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„Der Datenschutz muss stimmen“

Im Gespräch mit Professor Dr. Tobias Preckel (Steinbeis-Transferzentrum Medizintechnik & Life Sciences) und Professor Dr. Sascha Seifert (Steinbeis-Transferzentrum E-Health-Systeme und Medizinische Informatik)

Künstliche Intelligenz, Big Data, Cloud – die Digitalisierung ist auch in der Medizin allgegenwärtig. Aber was genau bedeuten diese Entwicklungen für Patienten und welche Rolle spielt dabei der Datenschutz? Die TRANSFER hat darüber mit Professor Dr. Tobias Preckel und Professor Dr. Sascha Seifert, Steinbeis-Experten in Fragen der Digitalisierung in der Medizin, gesprochen und erfahren, wie wichtig die Akzeptanz der Bevölkerung für den medizinischen Fortschritt ist und warum von der richtigen Vernetzung von Technik und Datenschutz alle Beteiligten profitieren können.

Herr Professor Preckel, Herr Professor Seifert, die Digitalisierung sowie weitere technologische Innovationen beschleunigen den Fortschritt in der Medizin und Medizintechnik. Wie genau wirken sich diese Entwicklungen auf Ihre Arbeit aus?

Sascha Seifert:
Im Prinzip ist das der eigentliche Inhalt meiner Arbeit als medizinischer Informatiker und Bioinformatiker. Und Digitalisierung ist per se in meiner Arbeit gegeben, denn es geht darum, die Medizin zu digitalisieren. Es geht darum, einerseits Diagnosen zukünftig mithilfe des Computers, auch des Handys, zu unterstützen. Es geht aber auch darum, mithilfe der Digitalisierung den Krankenhäusern zum Beispiel Systeme zur Verfügung zu stellen, die sie bei ihren Entscheidungen unterstützen. Der zweite Bereich ist die Bioinformatik. Der aktuelle Trend dort geht von den aufwendigen molekular-diagnostischen Untersuchungen an realen Proben weg und man versucht stattdessen im ersten Schritt mit Modellen auf dem Rechner zu arbeiten. Diese Vorgehensweise ist der im Automobilbau ähnlich: Dort wird auch zuerst das Modell erstellt und evaluiert, bevor man ein echtes Auto baut und testet.

Tobias Preckel:
Das sehe ich genauso. Früher hat man im Grunde genommen versucht, die Biochemie beziehungsweise die Krankheitsentstehung zu untersuchen, indem man zum Beispiel einzelne Stoffwechselwege oder einzelne Moleküle und die entsprechenden Partner untersucht hat, mit denen diese Moleküle interagieren. Heute verfolgt man durch die Verfügbarkeit von Daten und Datenverarbeitungssystemen eher einen systemischen Ansatz. Dabei wird versucht, auf Basis der bereits existierenden Daten aus unterschiedlichen Quellen Zusammenhänge zu erkennen und daraus Schlüsse zu ziehen. Man geht weg von der detaillierten Untersuchung einer Einzelkomponente hin zu einem systemischen Ansatz und versucht dort vorab schon Modelle zu entwickeln, bevor man in die aufwendige Untersuchung geht. Was Ihre Frage angeht, welche Auswirkungen die Digitalisierung auf meine Arbeit direkt hat, so beschäftige ich mich eher mit den Möglichkeiten, die die Digitalisierung zum Beispiel in der Diagnostik bietet. Die DNA-Analytik beziehungsweise die Untersuchung von Krankheitsrisiken auf der Basis von DNA-Sequenzen wäre ohne die Digitalisierung gar nicht möglich. Gerade in der personalisierten Medizin kommen auf diese Weise mehrere Entwicklungen zusammen.

Warum ist es aus Ihrer Sicht wichtig, die Gesellschaft über Zukunftstechnologien im Medizinbereich zu informieren? Welche Aspekte sind dabei zu berücksichtigen?

Sascha Seifert:
Ich denke, es ist sehr wichtig, weil die Medizin in der Zukunft technischer werden wird. Der demografische Wandel führt dazu, dass die Bevölkerung älter wird. Somit steigt die Anzahl der Menschen, die medizinische Hilfe benötigen, was dazu führen kann, dass die Qualität in der Medizin sinkt. Wir wollen aber die Qualität beibehalten. Wie können wir das erreichen? Durch die Digitalisierung, durch die Vermeidung von Doppeluntersuchungen, dadurch, dass die Analyse oder die Diagnostik beschleunigt oder auch qualitativ hochwertiger wird. Das heißt, Technik wird mehr und mehr zum Einsatz kommen müssen, um unser Gesundheitssystem auf dem jetzigen Niveau zu halten und vielleicht noch zu verbessern und kostengünstiger zu machen. Einen anderen Weg sehe ich im Moment nicht.

Tobias Preckel:
Ich halte es auch für sehr wichtig, die Bevölkerung über neue technologische Entwicklungen in der Medizin zu informieren, um eine Akzeptanz für diese zu bekommen. Und aus meiner Sicht steht hier vor allem die zentrale Speicherung von Patientendaten im Vordergrund. Es wird heute sehr viel diagnostiziert und unser Abrechnungssystem ist so strukturiert, dass im Grunde genommen Anamnese gar nicht oder nur wenig bezahlt wird und die eigentliche Diagnostik das Geld bringt. Das heißt also, die Motivation für die Ärzteschaft ist, möglichst die eigene Diagnostik auszunutzen und zu verwenden. Das führt aber dazu, dass auf der einen Seite überdiagnostiziert wird und auf der anderen Seite aber die diagnostischen Ergebnisse von verschiedenen Arztpraxen zum Beispiel gar nicht zusammengeführt werden. Daher sehe ich große Vorteile in einer zentralen Speicherung von Patientendaten: Das wird die Kosten senken und die Qualität der Diagnosen verbessern. Dadurch können Fehldiagnosen vermieden werden, weil man einfach auf mehr Daten zurückgreifen kann. Und hier, denke ich, kommt vor allem die künstliche Intelligenz als Unterstützungswerkzeug zum Tragen. Es gibt viele Beispiele von Patienten, die mit akuten Beschwerden ins Krankenhaus eingeliefert und dann gefragt werden: Gibt es irgendwelche Besonderheiten in der Familie? Müssen wir irgendetwas beachten? Und in dieser Stresssituation vergisst der Patient, dass in der Familie eine erhöhte Gerinnungsneigung besteht. Diese wird dann möglicherweise nicht entsprechend prophylaktisch behandelt, eine Thrombose ist schlimmstenfalls die Folge. Solche Gefahren könnte man durch eine zentrale Speicherung leicht vermeiden.

Herr Professor Seifert, Sie beschäftigen sich mit dem Internet der medizinischen Dinge, also auch mit Cloud- und Big-Data-Anwendungen. Welche Chancen bieten diese und mit welchen Hindernissen haben Sie zu kämpfen?

Eines der größten Hindernisse ist gerade die Akzeptanz in der Bevölkerung: Wir haben in Deutschland noch eine gewisse Technikangst. Damit sollten wir uns bewusst auseinandersetzen.

Was die Chancen angeht, so gehört dazu unter anderem die Tatsache, dass wir sehr sensibilisiert für das Thema Datenschutz sind. Dies ist für uns von großem Vorteil. Das Musterbeispiel dafür ist die Corona-App: Wir haben in Deutschland eine Lösung geschaffen, die weltweit bewundert wird, weil sie die Technik und den Datenschutz sehr gut umgesetzt hat. Und ich denke, dass Deutschland in diesen beiden Bereichen sehr stark ist und gute Chancen hat, damit auch weltweit erfolgreich zu sein.

Herr Professor Preckel, der Trend zur individualisierten Medizin wird immer stärker. Welche Rahmenbedingungen sollten erfüllt werden, damit diese Vision zur Realität wird?

Es gibt einen Aspekt, den ich in diesem Bereich für sehr wichtig halte, nämlich dezentrale Diagnostik. Momentan ist es so, dass für viele Indikationen die Proben in große zentrale Labors geschickt werden. Das bedeutet, man hat zwar entsprechende Wegstrecken aber auch eine Zentralisierung der Diagnostik, die sicherlich Kostenvorteile bietet. Ich kann mir aber vorstellen, dass für eine stärkere Individualisierung der Medizin es auch sinnvoll sein kann, bestimmte diagnostische Untersuchungen direkt im Arztlabor durchzuführen. Es gibt bereits einige Start-ups und auch große Diagnostikdienstleister, die kleinere Geräte entwickeln, die automatisiert mit Kartuschen-Systemen ohne viel Eingriff des Anwenders Proben analysieren. Ich könnte mir vorstellen, dass solche Lösungen sicherlich auch ein zunehmender Trend werden.

Zum Abschluss noch eine sehr persönliche Frage: Welche neuen Technologien in den Bereichen Gesundheit und Medizin würden Sie selbst anwenden beziehungsweise akzeptieren und welche würden Sie für bestimmte Bereiche ausschließen?

Tobias Preckel:
Was aus meiner Sicht sehr sinnvoll ist und was ich mir für meine persönliche Nutzung auch vorstellen könnte, wären zum Beispiel Apps, die basierend auf meinem persönlichen Risikoprofil Vorschläge machen und mich bei der Prophylaxe unterstützen. Als Beispiel können wir die Problematik der Blutgerinnung nehmen: Wenn ich wüsste, ich hätte einen bestimmten Risikofaktor, in diesem Fall eine erhöhte Blutgerinnung, dann würde ich auch eine App nutzen, die mich regelmäßig daran erinnert, mich zum Beispiel entsprechend zu bewegen oder nochmal ein extra Glas Wasser zu trinken. Skeptisch wäre ich beim Versenden meiner DNA-Probe an Dienstleister zur Erstellung meines persönlichen Risiko- oder Abstammungsprofils, insbesondere, wenn diese ihren Sitz in Ländern ohne ausreichende Datenschutzregelung haben.

Sascha Seifert:
Mir geht es genauso. Nehmen wir als Beispiel die elektronische Patientenakte: Ich finde es wichtig, dass der Patient selbst mehr Transparenz über seine eigenen Daten bekommt. Ich weiß zum Beispiel nicht mehr, was ich vor fünf Jahren für Medikamente genommen habe. Aber wenn man ein solches zentrales Tool hätte, fände ich das von großem Vorteil. Ich hätte kein Problem, die Einträge mit meinem Hausarzt zu betrachten und nach den Zusammenhängen zu suchen, ob eventuell eine Erkrankung oder ein Medikament, das ich vor 20 Jahren eingenommen hatte, einen Einfluss auf meinen aktuellen Gesundheitszustand haben könnte. Aber der Datenschutz muss stimmen.

Kontakt

Prof. Dr. Tobias Preckel (Autor)
Steinbeis-Unternehmer
Steinbeis-Transferzentrum Medizintechnik & Life Sciences (Marxzell)

Prof. Dr. Sascha Seifert (Autor)
Steinbeis-Unternehmer
Steinbeis-Transferzentrum E-Health-Systeme und Medizinische Informatik (Königsbach-Stein)