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#TECHOURFUTURE: VON DER GESELLSCHAFTLICHEN RELEVANZ EINER WIRTSCHAFT 4.0

Das Ferdinand-Steinbeis-Institut holt technologische Themen aus dem wissenschaftlichen Elfenbeinturm

Die Einbindung der Gesellschaft in die Entwicklung hin zu einer Wirtschaft 4.0 ist aus zweierlei Gründen von entscheidender Bedeutung: Zum einen werden viele Zukunftstechnologien im Bereich der Autonomisierung und der Digitalisierung ohne die Gesellschaft nicht zum Tragen kommen. Zum anderen kann die Gesellschaft entscheidenden Einfluss darauf nehmen, wie und in welchen Bereichen neue Technologien eingesetzt werden. Doch wie kann ein Einbezug der Gesellschaft gelingen und was braucht es dazu? Mit dieser Frage beschäftigt sich das Macro Testbed „Technologie* Begreifen“ des Ferdinand-Steinbeis-­Instituts (FSTI) der Steinbeis-Stiftung. Dr. Marlene Gottwald ist Senior Research Fellow am FSTI und erklärt, warum wir bei der Einbindung der Gesellschaft in die Umsetzung technologischer Zukunftsvisionen mehr Experimente wagen müssen.

Es ist eine Herausforderung, das Interesse der Bevölkerung an technologischen Themen zu wecken und zu bestärken. Gerade in Deutschland werden derzeitige Technologietrends wie künstliche Intelligenz, autonome Roboter und selbstlernende Maschinen häufig als Eliteprojekte und als sehr weit weg angesehen. Das Fehlen von sachgerechten und ganzheitlichen Informationsquellen stellt für die Bevölkerung eine zusätzliche Barriere dar, sich mit den neuesten technologischen Entwicklungen auseinanderzusetzen. Nur wenn die technischen Grundprinzipien sowie das Anwendungsspektrum allen bekannt sind, wird auch ein Austausch über Technologien in der Gesellschaft und eine Beteiligung an der öffentlichen Diskussion stattfinden.

Dabei geht es um mehr als die Akzeptanz neuer Technologien. Technologie ist keine Tatsache, die außerhalb der Gesellschaft und unabhängig vom Einfluss des Menschen existiert und somit nur akzeptiert oder abgelehnt werden kann (Petrella 1990). Das Gegenteil ist der Fall: „Werte, Strategien und Entscheidungen berühren und beeinflussen doch grundsätzlich Wesen und Art der technologischen Entwicklung, Verbreitung und Einsatz der Technologie“ (Idem: 19). Zudem sind Untersuchungen in der Literatur häufig mit dem Anspruch verbunden, Einfluss auf die Akzeptanz einer bestimmten Zielgruppe zu nehmen. Um eine informierte Entscheidung zu treffen, braucht es zunächst Wissen unabhängig vom Ausgang der Entscheidung. Gleichzeitig haben Untersuchungen zur Technologieakzeptanz ergeben, „dass Wissen eine Voraussetzung für die Einstel­lungs-/Meinungsbildung und Herausbildung von Handlungsbereitschaft ist und eine Erhöhung des Wissensstandes dazu beitragen kann, Vorbehalte abzubauen, Nutzungs- und Nutzenmöglichkeiten zu entdecken sowie sachlich über Kosten und Nutzen abzuwägen.“ (Schäfer/Keppler 2013: 43). Wissensvermittlung kann somit auch zur Schaffung von Akzeptanz genutzt werden.

DIGITAL UND TECHNOLOGICAL LITERACY ALS VORAUSSETZUNG FÜR DEN EINBEZUG DER BEVÖLKERUNG

Losgelöst vom Meinungsbildungsprozess richtet sich der Fokus auf die Befähigung oder auch Mündigkeit der Gesellschaft, technologische Themen kritisch zu hinterfragen und unabhängige Entscheidungen zu treffen, man spricht heute von Digital oder Technological Literacy. Nach Paul Gilster (1997), auf den der Begriff zurückgeht, steht Digital Literacy für mehr als die Fähigkeit, Informationen aus verschiedenen digitalen Quellen zu verstehen und zu nutzen: „Digital literacy is about mastering ideas, not keystrokes” (Gilster 1997). Digital Literacy steht also für ein bestimmtes Mindset und beinhaltet weniger ein konkretes Skill Set. Technological Literacy wird wiederum verstanden als die Fähigkeit, Technologie zu nutzen, zu steuern, zu verstehen und einzuschätzen (International Technology Education Association 2007: 242). Um die Gesellschaft in die Entwicklung hin zu einer Wirtschaft 4.0 einzubinden, bedarf es der Förderung sowohl der Digital als auch der Technological Literacy. Gelingen kann dies über eine Vermittlung von Wissen, die über die reine Technologiekompetenz hinausgeht und dazu anregt, eigene Ideen, vielleicht sogar Visionen zur Beschaffenheit und zum Einsatz von Technologien zu entwickeln.

Wie Zukunftstechnologien zum Gesellschaftsthema werden, zeigt zum Beispiel Finnland mit der „1%-AI Challenge“. Das ursprüngliche Ziel, dass innerhalb von einem Jahr ein Prozent der finnischen Bevölkerung versteht, was künstliche Intelligenz ist und wofür sie angewendet werden kann, war schnell erreicht. Dabei begann das Projekt nicht mit einem großangelegten und detaillierten Plan, sondern klein und spontan mit bedarfsorientierten Coding-Schulungen für Kinder (Merten 2019).

„EINFACH MAL MACHEN“

Diesen Ansatz greift auch das Pilotprojekt Macro Testbed „Technologie*Begreifen“ des Ferdi­nand-Steinbeis-Instituts auf. Technologie* steht in diesem Zusammenhang für eine übergeordnete Ebene, in der mehrere Einzeltechnologien, geschäftliche und/oder gesellschaftliche Modelle sowie die fortschreitende Konvergenz von Technologien (insbesondere jenseits der Digitalisierung) eingebunden werden. Unterstützt vom Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau Baden-­Württem­berg wagt das Ferdi­nand-­­Stein­beis-Institut ein ambitioniertes Experiment, in dem es der Gesellschaft ermöglichen will, Zukunftstechnologien zu begreifen, wobei begreifen durchaus wörtlich genommen wird. Im Rahmen einer innovativen Veranstaltungsreihe zu drei ausgewählten Technologiethemen können Bürger, vom Schüler bis zum Rentner, technikbegeistert und weniger technikaffin, allgemeinverständlich Wissen zu Technikgrundlagen erarbeiten und erfahren, wie und mit welchen Auswirkungen die jeweilige Technologie eingesetzt werden kann. Unter dem Motto #techourfuture können die Teilnehmer während der jeweils eintägigen Veranstaltungen begleitet von Experten und Wissenschaftlern neueste technologische Entwicklungen ausprobieren und anfassen sowie eigenständig Potenziale und Lösungen für deren Einsatz herausarbeiten.

Ziel ist es mit #techourfuture eine neutrale Plattform zu schaffen, die im Sinne einer Technological Literacy nicht nur Wissen vermittelt, um Technologie zu verstehen, einzuschätzen, zu nutzen und zu steuern, sondern es im Sinne der Digital Literacy nach Gilster und Eshet (2002) auch ermöglicht, Ideen zu entwickeln und zu diskutieren.


Kontakt

Dr. Marlene Gottwald (Autorin)
Senior Research Fellow
Ferdinand-Steinbeis-Institut (FSTI) (Stuttgart)
www.steinbeis-fsti.de

Referenzen

  •  Bawden, David (2008): „Origins and Concepts of Digital Literacy”, in: Lankshear, Colin and Knobel, Michele (Hrsg.): Digital Literacies: Concepts, Policies and Practices, New York: Peter Lang Publishing, S. 17 – 32.
  • Gilster, Paul (1997): Digital literacy, New York: John Wiley & Sons Inc. 
  • International Technology Education Association (2007): Standards for Technological Literacy, Content for the Study of Technology, 3. Auflage, ITEA: Reston, Virginia.
  • Merten, Milena (2019): „Ada – die große Challenge: Die digitale Transformation macht ganz Finnland zum KI Testlabor“, Handelsblatt, 10.05.2019, https://www.handelsblatt.com/technik/vernetzt/ada-die-digitale-transformation-macht-ganz-finnland-zum-ki-testlabor/24319266.html?ticket=ST-3321332-CqLSu1rsGMQSAqWb30pb-ap2 (zuletzt abgerufen am 16.07.2019).
  • Petrella, Riccardo (1990): „Menschen und Instrumente: Orientierungspunkte zur künftigen Technologieakzeptanz“, in: Kistler, Ernst, Jaufmann, Dieter (Hrsg.): Mensch Technik Gesellschaft, Wiesbaden: Springer Fachmedien, S. 19 – 28.
  • Schäfer, Martina und Keppler, Dorothee (2013): „Modelle der technikorientierten Akzeptanz­forschung, Überblick und Reflexion am Beispiel eines Forschungsprojekts zur Implementierung innovativer technischer Energieeffizienz-Maßnahmen“, discussion paper, Nr. 34/2013, TU Berlin: Zentrum Technik und Gesellschaft.