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Digitalisierung als Chance für den Mittelstand

Das Ferdinand-Steinbeis-Institut führt KMU an das Arbeiten in Ökosystemen und neue Geschäftsmodelle heran

Seit der ersten Stufe der industriellen Revolution Ende des 18. Jahrhunderts, die mit der Dampfmaschine begonnen hat, über die zweite Stufe, der Massenproduktion, bis zur dritten Stufe, der Automatisierung, ist es der deutschen Industrie gelungen, eine der weltweit führenden Wirtschaftsnationen zu werden. Auch die vierte Stufe, die Digitalisierung, bietet insbesondere für den Mittelstand eine große Chance – aber wie kann sie genutzt werden? Damit beschäftigen sich die Experten am Ferdinand-Steinbeis-Institut (FSTI) und begleiten KMU auf ihrem Weg in die digitale Zukunft.

In den letzten 250 Jahren hat der Erfindergeist neue Produkte und Technologien hervorgebracht und die Exzellenz in der Verbesserung von Produkten und Produktionsprozessen hat dazu beigetragen „Made in Germany“ zu einem Gütesiegel in der Welt zu machen. Die Automatisierung ist wesentlicher Bestandteil dieses Erfolgs, ergänzt um ein immer fundierteres Wissen. Dies hat in der Vergangenheit zu einer immer stärkeren Arbeitsteilung und Spezialisierung geführt. Unternehmen haben sich auf ihre Kernkompetenzen konzentriert und sich damit Alleinstellungsmerkmale erarbeitet. Innerhalb der Unternehmen konnte das Know-how durch Experten und Spezialisten erarbeitet und vertieft werden. Auch im deutschen Bildungswesen wurde der überwiegende Teil der Absolventen zu Spezialisten ausgebildet. Das Modell der Arbeitsteilung von Henry Ford geht nicht nur durch die Produktion, sondern quer durch die Unternehmen.

Welche Kompetenzen braucht die Zukunft?

Nun stehen wir am Beginn der Digitalisierung, der vierten Stufe der Industrialisierung, die durch eine zunehmende Vernetzung der Geschäftsabläufe, das Internet of Things und den schnell wachsenden Einsatz von künstlicher Intelligenz gekennzeichnet ist. Aber reicht die aktuelle Kompetenz, bestehende Produkte und Prozesse immer noch besser zu machen, auch in der Zukunft aus, um wettbewerbsfähig zu bleiben – oder braucht es andere Fähigkeiten? Die Digitalisierung wird sicherlich einige bisher erfolgreiche Geschäftsmodelle infrage stellen oder gar überflüssig machen. Sie ermöglicht Unternehmen aber vor allem, ihre Geschäftsmodelle zu erweitern oder ganz neue zu entwickeln und auf den Markt zu bringen. „Besonders interessant und herausfordernd wird es, wenn mehrere Unternehmen branchenübergreifend erkennen, dass sich ihre Fähigkeiten ergänzen und dass durch die gemeinsame Nutzung von Daten neue Wertschöpfungsszenarien erschlossen werden können“, sagt Michael Köhnlein, Geschäftsführer des FSTI. Ein wesentlicher Punkt ist dabei das zielgerichtete Anwenden der multidisziplinären Prinzipien der Digitalisierung in neuartigen Wertschöpfungsformen – und dieses Wissen muss erarbeitet werden. „Unsere Erfahrung aus zahlreichen Umsetzungen zeigt, dass ein Grundverständnis dieser Prinzipien durch das Experimentieren mit kooperativen Datenräumen, digitalen Zwillingen und KI-Services entsteht – nicht durch Schulung oder Wissensvermittlung“, ergänzt der akademische Leiter des FSTI, Professor Dr. Heiner Lasi.

Ein weiterer Aspekt ist die Fähigkeit, weit über Abteilungs- und Unternehmensgrenzen hinaus zu denken und zu agieren. „Wir sind es gewohnt, in einem Kunden-Lieferanten-Verhältnis zu denken und zu arbeiten, unsere Kultur und Rechtsordnung fußt darauf“, gibt FSTI-Experte Werner Steck zu bedenken. Die Digitalisierung ermöglicht aber Ökosysteme mit völlig veränderten Geschäftsbeziehungen: Jeder der Partner ist gleichzeitig Kunde und Lieferant im Ökosystem und das Ökosystem als Ganzes ist wiederum eingebunden in ein Kunden- und Lieferantenverhältnis. Das ergibt einen kulturellen Wandel – auch der muss erlernt werden.

Auch das interdisziplinäre Wissen spielt eine wichtige Rolle, gemeinsam mit der Frage: Wer und wie viele Mitarbeitende haben dieses Wissen in einem Unternehmen? Wer hat in einem Unternehmen – vom Markt bis zum Lieferanten, von der Buchhaltung bis zur Produktion – den Überblick und kann auch noch die Märkte davor und danach überschauen? Um in der Digitalisierung erfolgreich zu sein, braucht es Überblickswissen. Daraus ergeben sich zusätzliche Herausforderungen für die Mitarbeiterentwicklung im Unternehmen und erweiterte Fragestellungen für das Bildungssystem. Für den Mittelstand eröffnet sich in diesem Punkt eine Chance: Gerade dort sind die Unternehmer und Führungskräfte zu finden, für die interdisziplinäres Arbeiten eine Selbstverständlichkeit ist.

Eine weitere „Zutat“ ist auf dem Weg in die digitale Zukunft wichtig – weniger eine Fähigkeit als ein knappes Gut: Zeit. Die Weiterentwicklung der bestehenden Geschäftsmodelle oder die Entwicklung neuer Geschäftsprozesse erfordert Zeit. Zeit, die im Tagesgeschäft unter den aktuell gegebenen Randbedingungen nicht in ausreichendem Maß für diese Themen zur Verfügung steht. Vor allem im Mittelstand wird viel Zeit darauf verwendet, Bestehendes besser zu machen – mit dem Risiko, den rechtzeitigen Einstieg in neue Modelle zu verpassen.

Micro Testbeds: Mit Steinbeis-Expertise in die Digitalisierung hineinwachsen

Vor allem Unternehmer, Geschäftsführung und Unternehmensleitung sind gefordert, Grundprinzipien der Digitalisierung zu verstehen und in Ökosystemen zu denken – neue Geschäftsmodelle werden kaum von einem neu eingestellten Hochschulabsolventen oder vom hochqualifizierten Mitarbeiter einer Fachabteilung entwickelt. Es ist Zeit umzudenken und umzulenken, fehlende Fähigkeiten zu erwerben und interdisziplinäres Wissen für neue Modelle zu verwenden, plädieren die FSTI-Experten und sehen dabei einen großen Vorteil im Mittelstand: Hier sind Unternehmer mit Überblickswissen bei hoher Agilität eine Selbstverständlichkeit.

Das Ferdinand-Steinbeis-Institut hat sich in acht Jahren und über 40 Projekten die Erfahrung und die Methodik angeeignet, um insbesondere mittelständischen Unternehmen das Arbeiten in Ökosystemen und neue Geschäftsmodelle erfolgreich zu vermitteln. In sogenannten Micro Testbeds zu völlig unterschiedlichen Themen hat das FSTI-Team aufgezeigt, wie durch Abbildung der Realität in der Virtualität neue Möglichkeiten der Wertschöpfung erarbeitet und getestet werden können und wie durch die Steuerung der Realität aus der Virtualität Nutzen gestiftet werden kann. Die Micro Testbeds zeichnen sich dadurch aus, dass mindestens drei KMU branchenübergreifend und partnerschaftlich in einem neutral moderierten „Vertrauensraum“ zusammenarbeiten. Gemeinsam generieren sie Wertschöpfungsszenarien, die im realen Unternehmensumfeld experimentell erprobt werden. Damit haben die Beteiligten die Gelegenheit, in einem überschaubaren Zeitrahmen die Möglichkeiten der Digitalisierung an konkreten Beispielen zu erfahren und sich über Abteilungs- und Unternehmensgrenzen hinweg mit weitergehenden Geschäftsmodellen zu befassen und diese exemplarisch auszuprobieren.

Kontakt

Michael Köhnlein (Autor)
Geschäftsführer
Ferdinand-Steinbeis-Gesellschaft für transferorientierte Forschung gGmbH der Steinbeis-Stiftung (FSG) (Stuttgart)

Werner Steck (Autor)
Senior Projektleiter
Ferdinand-Steinbeis-Institut Heilbronn
www.ferdinand-steinbeis-institut.de

Prof. Dr. Heiner Lasi (Autor)
Geschäftsführer (Wissenschaftliche Leitung)
Ferdinand-Steinbeis-Gesellschaft für transferorientierte Forschung gGmbH der Steinbeis-Stiftung (FSG) (Stuttgart)

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