Das LEONARDO-Prozessmodell

Wer weit kommen will, geht gemeinsam

Steinbeis-Experte begleitet das LEONARDO-Zentrum für Kreativität und Innovation bei der Gestaltung des Transfers im Innovationssprozess

Unsere Volkswirtschaft und unsere Gesellschaft leben von ständig neuen Ideen. Die besten münden in Produkten und Dienstleistungen, die den komplexen Ansprüchen unserer globalisierten Welt gerecht werden. Dazu ist es wichtig, relevante Perspektiven möglichst frühzeitig in Innovationsprozesse einfließen zu lassen. Hochschulen bieten für diesen Ansatz den idealen Nährboden: Neben einer unschlagbar breiten fachlichen Expertise ermöglichen sie es, bereits in den Phasen der „drei Is“ – „Inspiration“, „Ideation“ und „Invention“ – interdisziplinäre Blickwinkel in vielfältiger Weise in Entwicklungsprozesse einzubringen. Das LEONARDO-Zentrum für Kreativität und Innovation in Nürnberg hat es sich zur Aufgabe gemacht, diesem Potenzial von Hochschulen mehr Raum und Entfaltungsmöglichkeiten zu geben. Mit einem Phasenmodell, das sich dem Innovationsprozess vom ersten Impuls an widmet, unterstützt es interdisziplinäre Teams bei ihrer Arbeit und erforscht gleichzeitig die Faktoren, die für den erfolgreichen Transfer vielversprechender Ideen ausschlaggebend sind. Professor Dr. Michael Braun, Unternehmer am Steinbeis-Beratungszentrum Wissenschaftsmanagement, hat das Zentrum mitgegründet und begleitet mit seiner Steinbeis-Expertise nun dessen Weiterentwicklung.

Institutionen und Unternehmen müssen heute unter Rahmenbedingungen bestehen, die als unbeständig, unsicher, komplex und mehrdeutig gelten. Als Schlagwort für diesen Zustand hat sich das Akronym VUCA etabliert. VUCA betont die Herausforderungen, vor die uns die moderne, globale Gesellschaft stellt, weist aber gleichzeitig auch einen Weg, wie man diesen erfolgsversprechend begegnen kann: durch Vision (vision), Verstehen (understanding), Klarheit (clarity) und Gewandtheit (agility).

Um einen Lösungsansatz für ein komplexes Problem zu entwickeln oder um eine Vision zu entwerfen und zu konkretisieren, ist es wichtig nicht nur die fachspezifischen Faktoren und Aspekte zu kennen, sondern auch zu verstehen, wie sie sich zueinander verhalten. Ein interdisziplinärer Ansatz kommt hier durch die Perspektiven unterschiedlicher Fach- und Methodenkulturen zu Ideen, die nur an den Schnittstellen der Disziplinen entstehen können.

Nürnberg ist ein Wissenschaftsstandort, der sich durch anwendungsnahe Forschung und die intensive Vernetzung von Hochschulen, außeruniversitären Forschungseinrichtungen und innovativen Unternehmen auszeichnet. Ein breit gefächertes Studienangebot, 25.000 Studierende und hunderte von Professorinnen und Professoren sowie Mitarbeitende liefern ideale Bedingungen, um Interdisziplinarität für die Ideenförderung in der Region zu nutzen.

VUCA versus Interdisziplinarität

Die Kehrseite des auf den ersten Blick attraktiv klingenden Versprechens „Interdisziplinarität“ ist allerdings die Erkenntnis, dass interdisziplinäre Zusammenarbeit selbst eine komplexe Herausforderung darstellt, da mit der Anzahl an Disziplinen auch die Schwierigkeiten zunehmen VUCA im Prozess aufrecht zu erhalten. Als Kooperationsprojekt der Technischen Hochschule Nürnberg, der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg und der Hochschule für Musik Nürnberg nimmt sich das LEONARDO-Zentrum genau dieser Herausforderung an: Es strukturiert einen Rahmen, der die positiven Auswirkungen von Interdisziplinarität auf den Innovationsprozess fördert und die kritischen Aspekte überbrückt. Kernstück ist das LEONARDO-Prozessmodell. „Dieser generische Prozess wirkt inhaltlich und methodisch vor allem in der unsicheren und vagen Frühphase der Innovation, indem er in sechs Phasen die Ideengenerierung und den Ideentransfer von interdisziplinären Teams stimuliert und begleitet“, erläutert Steinbeis- Berater Michael Braun das Konzept. Als Mitgründer des LEONARDO-Zentrums unterstützt er das Zentrum heute mit seinem Steinbeis-Unternehmen dabei, interdisziplinäre Zusammenarbeit an Hochschulen neu zu denken, um Transfer im Innovationsprozess von Anfang an zu gestalten.

LEONARDO begleitet den Innovationsprozess

Das LEONARDO-Prozessmodell

Der richtige Impuls zur richtigen Zeit – damit startet idealerweise der Innovationsprozess. Grundlegend dafür ist ein zwangloser Rahmen, bei dem niederschwelliger Austausch möglich ist und sich Menschen gegenseitig zu Ideen inspirieren können. Eine aktive Begleitung ist wichtig, um Ideen festzuhalten und zu konkretisieren. LEONARDO bietet passende Formate der Kommunikation und Begegnung und veranstaltet unter anderem Netzwerkevents, thematische Workshops und Talks, gibt individuelle Hilfestellungen, geht aber auch in die Organisationen hinein.

Ist eine Idee für ein gemeinsames Projekt entstanden, brauchen die handelnden Personen Strukturen, die ihnen bei zwei wichtigen Aufgaben helfen: Vertrauen zueinander zu fassen, um als Team sichtbar und arbeitsfähig zu werden und daneben gemeinsam eine Vision zu entwickeln, die ihnen Orientierung gibt. Im interdisziplinären Kontext kommt eine zusätzliche Aufgabe hinzu: Durch die einzelnen Teammitglieder gibt es nicht nur eine beachtliche Menge an Sichtweisen und Fachkompetenz, sondern auch eine erhebliche Abweichung in den Fachsprachen, Gewohnheiten und Herangehensweisen. LEONARDO begleitet die Handelnden dabei, Unterschiede und Gemeinsamkeiten ihrer Kulturen positiv nutzbar zu machen.

Noch während der Vorbereitungsphase beginnt die Ideation, um den Möglichkeitsraum zu bestimmen, in dem sich ein Projekt bewegt. Wichtig dafür ist, gemeinsame Strukturen und Arbeitsabläufe zu verabreden. Dazu zählen auch Formate der Zusammenarbeit, die sowohl den kreativen Austausch über die aktuellen Inhalte als auch eine Perspektive zur gemeinsamen Gestaltung bieten. Das LEONARDO-Zentrum unterstützt hier durch passende räumliche und digitale Infrastruktur, gibt Hinweise zu Methoden und Techniken der Ideation, unterstützt bei Moderation und Bewertung und hilft bei der konkreten Umsetzung.

Ist der Rahmen der Möglichkeiten abgesteckt, geht es darum Ideen und Vorschläge auszutauschen, zu prüfen, zu verwerfen und wieder aufzugreifen. Manchmal wird die Chance dieser Phase unterschätzt, sodass zu schnell eine Idee über einen Prototyp favorisiert wird. Dabei bieten gerade die vielseitigen methodischen Kenntnisse und unterschiedlichen Erfahrungen der beteiligten Disziplinen einen breiten Lösungsraum. Um das Potenzial interdisziplinärer Arbeit auszuschöpfen, bestärkt das LEONARDO-Zentrum die Teams darin zu experimentieren und ermöglicht niederschwellig iteratives Ausprobieren: methodisch durch Ansätze aus der Kreativitätsforschung, der Innovationsentwicklung sowie dem Design und räumlich durch die Bereitstellung flexibel und technisch exzellent ausgestatteter Räume und Labore.

Fokus Transferphase

Die Transferphase im Modell verweist darauf, wie wichtig die unterschiedlichen Kontexte und der Input von Außenstehenden für die bestehenden Ideen sind und wie entscheidend es ist, im Prozess kontinuierlich über Transfer aus dem Projekt und in das Projekt nachzudenken. Der interdisziplinär-kooperative Ansatz bewirkt, dass deutlich mehr Stakeholder als bedeutsam für die Ideenentwicklung erkannt werden und dass die nötigen Netzwerke vorhanden sind. Ein LEONARDO-Projekt endet deshalb unter Umständen nicht mit einem fertigen Produkt, Verfahren oder einer Dienstleistung – vielmehr macht es laufend Angebote an interessierte Stakeholder, Zwischenergebnisse und Erkenntnisse zu bewerten und sie weiter voranzutreiben. Dieses Transfermindset, das Steinbeis- Berater Michael Braun mit LEONARDO anstrebt, verändert nicht nur den Transfer- sondern auch den Projektgedanken. „Der Fokus liegt nicht mehr nur auf den Ergebnissen, sondern auf dem Austausch und den tatsächlichen Ideen, die während des Prozessverlaufs entstehen“, erläutert die wissenschaftliche Mitarbeiterin des LEONARDO Dr. Daniela Bauer. Wenn auch der Weg das Ziel ist, werden neue Transferformate deutlich, die Hochschulkollaborationen in der Frühphase der Innovation attraktiv machen: Zum Beispiel können Studierende mit Unternehmen in Austausch treten, indem sie bei einem Hackathon ihren frischen Blick in die gemeinsame Ideation zu einer gesellschaftlichen Problemstellung beisteuern. Bei Vernetzungstreffen sind Teilnehmende aus Forschung und Anwendung damit beschäftigt, Ideen anstatt nur Visitenkarten auszutauschen und gelangen dabei zu gemeinsamen Visionen und konkreten Kooperationsvorhaben. Der interdisziplinäre Ansatz bewirkt, dass vielfältige Wissenschaftsdisziplinen und Forschungsfragen in ihrer Relevanz sichtbar werden können und zusätzlich ein hoher Grad der Einbindung von Externen aus Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft erreicht wird. Das LEONARDO-Modell macht deutlich: Transfer passiert nicht nur über „viel Kommunikation“ von Ergebnissen am Ende eines Projekts, sondern über „Kollaboration mit vielen“ bei der Entwicklung von Ideen im Prozess selbst.


Das LEONARDO-Zentrum für Kreativität und Innovation ist ein Kooperationsprojekt zwischen der Technischen Hochschule, der Akademie der Bildenden Künste und der Hochschule für Musik in Nürnberg, das durch das Bund-Länder-Programm „Innovative Hochschule” ermöglicht wurde.

Kontakt

Prof. Dr. Michael Braun (Autor)
Steinbeis-Unternehmer
Steinbeis-Beratungszentrum Wissenschaftsmanagement (Roßtal)

Dr. Daniela Bauer (Autorin)
Wissenschaftliche Mitarbeiterin
LEONARDO-Zentrum für Kreativität und Innovation der Technischen Hochschule Nürnberg (Nürnberg)

Fabian Bitter (Autor)
Wissenschaftlicher Mitarbeiter
LEONARDO-Zentrum für Kreativität und Innovation der Technischen Hochschule Nürnberg (Nürnberg)

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