Steffen Lübbecke (li.) und Professor Dr.-Ing. habil. Gerhard Linß

„Die Wirtschaftlichkeit der Lösungen spielt eine entscheidende Rolle“

Im Gespräch mit Prof. Dr.-Ing. habil. Gerhard Linß und Steffen Lübbecke, Geschäftsführer der Steinbeis Qualitätssicherung und Bildverarbeitung (SQB) GmbH

Drei Projekte, drei Auszeichnungen mit dem Transferpreis der Steinbeis-Stiftung: Wie man das erreicht, welche Herausforderungen davor genommen werden müssen und was sich die Preisträger für die Zukunft vorgenommen haben – das verraten der TRANSFER die beiden Steinbeiser Prof. Dr.-Ing. habil. Gerhard Linß und Steffen Lübbecke.

Herr Professor Linß, Herr Lübbecke, Ihr Steinbeis-Unternehmen wurde bereits dreimal mit dem Transferpreis der Steinbeis-Stiftung – Löhn-Preis ausgezeichnet. Zuerst in 2004, als der Preis zum ersten Mal verliehen wurde. Das ist jetzt 15 Jahre her: Wie haben sich das Projekt und Ihre Zusammenarbeit mit der Carl Zeiss Industrielle Messtechnik GmbH weiterentwickelt?

Linß: Wir haben seit dem Jahr 2000 eine langjährige Forschungsverbindung mit dem Hause Carl Zeiss und wurden 2004 für das Projekt ViSCAN mit dem Löhn-Preis ausgezeichnet. Der ViSCAN ist ein optischer Sensor inklusive Software für die Präzisionsmessung in Koordinatenmessgeräten der Carl Zeiss Industrielle Messtechnik (IMT) GmbH in Oberkochen. Dabei werden auch zugehörige Objektive, steuerbare LED-Beleuchtungen und Softwarelizenzen mitgeliefert. Bisher haben wir ca. 1.600 solcher Systeme an Zeiss geliefert, die mittlerweile weltweit im Einsatz sind. Unser Unternehmen ist im Rahmen einer Liefer- und Qualitätssicherungsvereinbarung seit Jahren eng mit der Carl Zeiss IMT GmbH verbunden.

Darüber hinaus erfolgte die Adaption des ViSCAN in weiteren Messmaschinentypen von Zeiss. Über den langen Lieferzeitraum wurden mehrfach neue Sensoren implementiert und die Endabnahme in die Verantwortung der SQB GmbH übernommen. Also alles in allem eine sehr erfolgreiche Geschäftsbeziehung zum beiderseitigen Vorteil!

Bei Ihrem 2008 ausgezeichneten Projekt haben Sie zusammen mit der WAFIOS AG ein innovatives und benutzerfreundliches Bildverarbeitungssystem für die hundertprozentige Qualitätsprüfung in der Federnproduktion entwickelt. Wie kam es zu dieser Partnerschaft und wie sieht diese heute aus?

Lübbecke: Der erste Kontakt zur WAFIOS AG Reutlingen entstand über die Technische Universität Ilmenau, die über ein sehr spezielles Knowhow für die Federntechnik verfügt. So wird in Ilmenau beispielsweise alle zwei Jahre der sogenannte „Ilmenauer Federntag“ durchgeführt. Nach einem ersten Treffen mit dem Produktmanager und den Entwicklern der WAFIOS AG entwickelte sich eine sehr vertrauensvolle, intensive und konstruktive Zusammenarbeit. Die SQB GmbH Ilmenau erhielt den Auftrag aufgrund unserer langjährigen Erfahrungen und Expertise auf dem Gebiet der Hard- und Softwareentwicklung in der industriellen Bildverarbeitung. Nach vielen Jahren der Zulieferung von Bildverarbeitungssystemen für Federwindemaschinen hat sich das WAFIOS-Management für die Inhouse-Weiterentwicklung entschieden. Die SQB GmbH liefert heute aber weiterhin für ausgewählte Maschinentypen Bildverarbeitungssysteme und Ersatzteile.

Steffen Lübbecke und Sachihiko Kobori

Auch bei Ihrem dritten 2011 mit dem Transferpreis ausgezeichneten Projekt ging es ums Messen und um Qualität. Sie haben dieses zusammen mit dem japanischen Partner NT TOOL CORPORATION realisiert. Was war das Besondere bei dessen Umsetzung?

Linß: Dieses Projekt war für uns aufgrund der Sprachbarriere, der großen Entfernung und der kulturellen Unterschiede eine besondere Herausforderung und Erfahrung. In der fast drei Jahre andauernden Entwicklungskooperation mit NT TOOL Corp. in Takahama City (Japan) mussten wir ohne fachliche Telefonate auskommen. Alles lief per Mail und Internet sowie über Reisen ins ferne Japan. Zweimal waren die japanischen Kollegen auch bei uns in Ilmenau. Viele Entscheidungen während der Entwicklung erforderten mehrmaliges Präsentieren der Konzepte und Ideen. Heute hat NT TOOL aus unserer Entwicklung ein eigenes Produkt im Firmenkatalog. Die Übernahme der kompletten Hard- und Softwareentwicklung war für unseren japanischen Partner sehr erfolgreich.

Lübbecke: Die Zusammenarbeit mit dem japanischen Unternehmen NT TOOL konnte auch die in unserer unmittelbaren Nähe befindliche Technische Universität Ilmenau sehr gut nutzen. So konnten im Verlauf dieses Projektes in gewissen zeitlichen Abständen insgesamt fünf Studenten des Maschinenbaus in Japan im Unternehmen NT TOOL ihr viermonatiges Ingenieurpraktikum durchführen und dabei wichtige internationale und fachliche Erfahrungen erwerben. Die Beurteilung der Praktika aller in Japan tätigen Studenten war sehr positiv und motivierend für ihre Kommilitonen. Außerdem haben mehrere Mitarbeiter die Gelegenheit in Japan Arbeitsbesuche zu absolvieren genutzt und ebenfalls wichtige Erfahrungen gesammelt. Des Weiteren haben wir auch das in Tokio befindliche japanische Steinbeis-Transferzentrum mit dem Leiter Herrn Kobori besucht und weitere Verbindungen geknüpft.

Nach dem Rückblick auf die erfolgreiche Vergangenheit wollen wir einen Blick in die Zukunft werfen: Welche Entwicklungen werden die Arbeit Ihres Steinbeis-Unternehmens in den nächsten Jahren bestimmen? Was sind Ihrer Meinung nach die zukünftigen Herausforderungen im Bereich des Qualitätsmanagements?

Lübbecke: Bildverarbeitungstechnologien halten immer mehr Einzug in die Produktion und auch in viele andere Bereiche der Gesellschaft. Insbesondere die Zunahme der Bildverarbeitung für die hundertprozentige Qualitätssicherung in der teil- und vollautomatisierten Fertigung ist für unser Unternehmen eine weitere Herausforderung und Zukunftsrichtung. Wir werden ganz neue Applikationen der industriellen Qualitätssicherung mit Bildverarbeitungstechnologien und Verfahren der künstlichen Intelligenz erschließen und so wirtschaftlich weiter erfolgreich sein. Prüfungen müssen sicherer, schneller und noch genauer werden. Auch hier spielt die Wirtschaftlichkeit der Lösungen eine entscheidende Rolle.

Linß: Besonders die 3D-Bildverarbeitung mit Multisensorik wird in Zukunft eine große Weiterentwicklung erfahren. Neben den üblichen Qualitätsmerkmalen und Messgrößen müssen zunehmend auch „kosmetische“ Fehler geprüft werden. Steigende Produkt- und Variantenvielfalt erfordern immer höhere Flexibilität und Komplexität der industriellen Bildverarbeitung und Qualitätsprüftechnik. Selbstlernende Algorithmen und Deep Learning werden Einzug in die industrielle und intelligente Qualitätssicherung halten.

Kontakt

Professor Dr.-Ing. habil. Gerhard Linß

Steffen Lübbecke

 

 

 

 

 

 

Professor Dr.-Ing. habil. Gerhard Linß und Steffen Lübbecke sind Gründer, Gesellschafter und Geschäftsführer der Steinbeis Qualitätssicherung und Bildverarbeitung GmbH. Die Tätigkeitsschwerpunkte des Steinbeis-Unternehmens sind auftragsbezogene Forschung und Entwicklung, Produktion und Beratung rund um das Qualitätsmanagement. Dabei zählen Entwicklung und Fertigung innovativer Mess- und Prüfsysteme zur berührungslosen Präzisionsmessung und zur visuellen Inspektion ebenso zu den Tätigkeitsschwerpunkten wie die Entwicklung anwendungsbezogener Programme sowie eigenständig und universell verwendbarer Softwarekomponenten.

Steffen Lübbecke, Professor Dr.-Ing. habil. Gerhard Linß
Steinbeis Qualitätssicherung und Bildverarbeitung GmbH (Ilmenau)
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