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Gut gemacht, aber Luft nach oben

Studienteam untersucht Grad der Digitalisierung von Unternehmen der Region Schwarzwald-Baar-Heuberg

Sind die Unternehmen der Region Schwarzwald-Baar-Heuberg auf die Herausforderungen der Zukunft vorbereitet und in welchen Bereichen besteht noch Handlungsbedarf? Diesem Themenkomplex widmet sich eine Studie, die das Steinbeis-Transferzentrum Angewandte Methoden des Projektmanagements, das Innovationsnetzwerk Schwarzwald-Baar-Heuberg (SBH) und die Duale Hochschule Baden-Württemberg Villingen-Schwenningen mit Unterstützung von Südwestmetall, der IG Metall und der Wirtschaftsförderungen SBH und Villingen- Schwenningen durchgeführt haben. Das Ergebnis: Die Unternehmen der Region sind in Sachen Digitalisierung gut aufgestellt. Dennoch könnten insbesondere kleinere Unternehmen unter 50 Mitarbeitern bei künftigen Themen abgehängt werden.

Die Projektpartner untersuchten die Themenfelder IT-Sicherheit, Software, Industrie 4.0, Big Data, künstliche Intelligenz und künftige Technologien. Darüber hinaus wurden auch die Bedenken gegenüber neuen Technologien sowie die Arbeitgeberattraktivität untersucht. Das Studienteam analysierte hierzu 143 Fragebögen mit Hilfe der Strukturgleichungsmodellierung. Durch diese Methodik lässt sich sicherstellen, dass sowohl die Aufteilung der Technologien in Einzeltechnologien zulässig ist als auch deren richtige Gewichtung.

Vorneweg: Die Studienergebnisse zeigen, dass der Umsetzungsgrad der IT-Sicherheit und der Unternehmenssoftware sowie der Umsetzungsgrad und die geplante Umsetzung von klassischen Industrie 4.0- und Big Data-Themen hoch sind. Dies gilt unabhängig von der Unternehmensgröße und Branche. Bei künstlicher Intelligenz und Projekten zu künftigen Technologien wie dem autonomen Fahren hingegen ist er gering.

Abb. li.: Überblick über den Umsetzungsgrad aller Digitalisierungsthemen. Es wurden jeweils nur die relevanten Branchen betrachtet, d. h. IT-Sicherheit und Software für alle Branchen, künftige Technologien, Industrie 4.0, Big Data und künstliche Intelligenz nur für die Maschinenbau-, Automobil- und Medizintechnikbranche. Abb. re.: Umsetzungsgrad von Projekten zur Elektromobilität, zum autonomen Fahren und zur Blockchain- Technologie. Die ersten beiden Themen sind lediglich für die Maschinenbau- und Automobil-Branche dargestellt, da die Sparten beispielsweise für die Medizintechnik nicht relevant sind. Die Blockchain-Technologie wurde von bislang keinem befragten Unternehmen umgesetzt. Die geplante Umsetzung ist dafür mit branchenunabhängigen 50% extrem hoch.

Ein differenzierter Blick auf die Software-Themen bestätigt, dass der Umsetzungsgrad im Allgemeinen sehr hoch ist. Insbesondere, ob im Unternehmen ein Softwarekonzept und eine Digitalisierungsstrategie vorliegen oder entwickelt werden, wurde meist bejaht. Es ist davon auszugehen, dass vorhandene Lücken kurzfristig geschlossen werden. Nicht eingeführte Software lässt sich insbesondere dadurch erklären, dass nicht jedes Unternehmen jede Art von Lösung benötigt. Offene Themen können als wenig komplex angesehen werden, bei Bedarf kann auf ausreichend externes Wissen zurückgegriffen werden.

Etwas geringer als bei Software ist der Umsetzungsgrad klassischer Industrie 4.0-Themen. Wie bei Software gilt auch hier, dass nicht jedes Unternehmen über jede Technologie verfügen muss. Möglicherweise problematisch könnte der Umsetzungsgrad in Abhängigkeit von der Firmengröße sein: Der Umsetzungsgrad steigt mit der Unternehmensgröße an. Dies könnte für kleinere Firmen zum Problem werden, wenn mittelgroße Firmen dadurch in deren originäre Bereiche vordringen. Ein weiteres Problem ist, dass 21% aller Unternehmen fehlende Geschäftskonzepte als Schwierigkeit definierten und dies für 12% der Unternehmen branchenunabhängig sogar ein „Showstopper“ war. Hieraus ergibt sich ein klarer Handlungsbedarf: Es sind mehr Unterstützungsangebote nötig, durch die insbesondere kleinere Unternehmen über Technologien und Umsetzungsmöglichkeiten von Industrie 4.0 informiert werden.

Im Bereich Big Data fragte die Studie explizit nach Data Mining sowie der Datennutzung zur Prozesssteuerung, während bei der künstlichen Intelligenz die Themen Condition Monitoring (automatische Überwachung der Maschinenparameter), Prognosemodelle oder künstliche Intelligenz zur Abschätzung künftiger Aufträge, intelligente Software zur Mustererkennung in der Produktion, Operations Research zur Produktionsverbesserung sowie Prognosemodelle oder künstliche Intelligenz zur Abschätzung von Maschinenausfällen untersucht wurden. Es zeigt sich, dass der Umsetzungsgrad noch nicht so hoch ist wie bei klassischen Industrie 4.0-Themen, da es sich hier um neuere Themen handelt. Es ist jedoch anzunehmen, dass ihr Umsetzungsgrad mittelfristig stark zunehmen wird. Dafür wird jedoch Unterstützung notwendig sein, da es sich oft um komplexe Themen handelt. Darüber hinaus sollten verstärkt Studierende in diesen Bereichen ausgebildet werden, um den langfristigen Bedarf an Fachkräften zu decken.

Desweiteren untersuchte das Studienteam, wie viele Unternehmen bereits Projekte zur Elektromobilität, zum autonomen Fahren und zur Blockchain-Technologie umgesetzt haben. In den Bereichen Elektromobilität und autonomes Fahren wurden bereits zahlreiche Projekte durchgeführt, weitere werden in den nächsten Jahren folgen. Allerdings zeigt sich eine starke Abhängigkeit von der Branche, die sonst nur einen geringen Einfluss hat: Die hohen Umsetzungsgrade gelten nur für die Maschinenbau- und Automobilbranche, für die Medizintechnik sind diese Themen uninteressant.

Ein komplett anderes Bild zeichnet sich bei der Blockchain-Technologie ab. Hier haben die befragten Unternehmen bislang keine Projekte umgesetzt, die geplante Umsetzung ist mit 50% jedoch extrem hoch und dazu von der Branche unabhängig. Es ist positiv zu bewerten, dass die Unternehmen die Wichtigkeit dieses Themas erkannt haben. Allerdings wird umfangreiche Aufklärungsarbeit und Forschung notwendig sein um zu identifizieren, für welche Unternehmen diese Technologie überhaupt relevant ist. Dazu handelt es sich um eine komplexe Technologie, die entsprechende Kompetenzen erfordert. Es wird nötig sein, diese in der Region entsprechend aufzubauen. Solches Wissen sollte kostenlos zur Verfügung gestellt werden, damit kleinere Unternehmen mit geringeren finanziellen Mitteln hier nicht den Anschluss verpassen.

Weiterhin wurden Bedenken gegenüber der Digitalisierung (beispielsweise Cyberangriffe, Diebstahl von Unternehmens-Know-how, Risiken von Investitionen, Einbußen bei Systemausfällen) untersucht. Diese sind aber gering. Die Unternehmen lassen zwar in manchen Bereichen Vorsicht walten, verhindern deswegen aber keine Einführung neuer Technologien.

Die Studie machte außerdem deutlich, dass ein Unternehmensstandort im ländlichen oder städtischen Raum keinen Einfluss auf den Umsetzungsgrad der Digitalisierung hat. Zu guter Letzt konnte gezeigt werden, dass ein hoher Umsetzungsgrad an Digitalisierungsthemen in einem Unternehmen, unabhängig von der Branche und Unternehmensgröße, mit einer höheren Arbeitgeberattraktivität einhergeht. Unternehmen mit einem hohen Digitalisierungsgrad sind also auch im Kampf um die klügsten Köpfe erfolgreicher.

Das Projektteam ist positiv gestimmt: Die Studie belegt, dass die Unternehmen in der Region Schwarzwald-Baar-Heuberg bei der Digitalisierung gut aufgestellt sind. Es wird laufend optimiert und modernisiert und noch vorhandene Lücken werden mittelfristig geschlossen. Es besteht aber auch konkreter Handlungsbedarf. Kleinere Unternehmen drohen bei der Digitalisierung abgehängt zu werden, bei den anstehenden Themen handelt es sich um komplexe Technologien, wie beispielsweise künstliche Intelligenz. Um dieses Defizit anzugehen, planen das Innovationsnetzwerk SBH und das Steinbeis-Transferzentrum Angewandte Methoden des Projektmanagements den Aufbau eines Wissensclusters. Unternehmen sollen sowohl Implementierungsmöglichkeiten neuer Technologien aufgezeigt bekommen, als auch in der praktischen Umsetzung unterstützt werden. Dazu muss auch ein adäquater Wissensaufbau durch Forschungs- und Entwicklungsprojekte in diesem Bereich stattfinden. Die beiden Partner planen Kooperationen mit Wirtschaftsförderungen, um in der Region gezielt Unternehmensgründungen zu forcieren. Darüber hinaus wird Unternehmen und Hochschulen empfohlen, verstärkt Studierende mit entsprechendem Wissensbackground auszubilden.