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Digitalisierung für KMU

Praxisbeispiele aus Handel, Handwerk, Dienstleistung sowie Werkzeug- und Formenbau

Die Digitalisierung führt zu Veränderungen in den industriellen Prozessen und ermöglicht neue Formen von Services. Das bringt eine Veränderung der industriellen Wertschöpfung mit sich, die weit über den Produktionskontext hinaus reicht. Gerade der Mittelstand muss aufgrund seiner spezialisierten Ausrichtung und der begrenzten Ressourcen seine Rolle innerhalb von sich verändernden Wertschöpfungsketten neu definieren. Hier setzt die Micro Testbed-Initiative des Ferdinand-Steinbeis-Institutes zusammen mit dem Steinbeis Digital Business Consortium und der Unterstützung durch das Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau Baden-Württemberg an.

In Zeiten der Digitalisierung müssen Mittelständler lernen, wie die interdisziplinäre Zusammenarbeit von mehreren Unternehmen organisiert werden kann ohne die Eigenständigkeit zu verlieren. Viele KMU aus Handel, Handwerk und Dienstleistung nahmen und nehmen intensiv an Vortrags- und Informationsveranstaltungen zum Thema Digitalisierung teil. Mit der konkreten Umsetzung dieser Informationen im eigenen Unternehmen und in Kooperation mit anderen tun sich viele Unternehmen aber immer noch schwer. Es fehlte dafür bislang an Unterstützung. Das haben das Ferdinand-Steinbeis-Institut (FSTI) und das Steinbeis Digital Business Consortium erkannt und stehen dem Mittelstand mit der Micro Testbed-Initiative zur Seite.

Aufbau eines Micro Testbeds

Micro Testbeds sind dadurch gekennzeichnet, dass etwa drei bis fünf KMU branchenübergreifend und partnerschaftlich in einem neutral moderierten „Vertrauensraum“ zusammenarbeiten und gemeinsam Wertschöpfungsszenarien im realen Unternehmensumfeld experimentell umsetzen. Ziel ist es, möglichst schnell pragmatische Umsetzungen, die für alle Beteiligten einen Nutzen stiften, zu realisieren und daraus gemeinsam zu lernen. Mit den ersten Ergebnissen aus Micro Testbeds ist nach sechs bis zwölf Monaten zu rechnen. Auf diese Art und Weise entstehen durch die interdisziplinäre Zusammenarbeit und die Nutzung bestehender Technologien neue Produkte und Services im Kontext der Digitalisierung und Vernetzung. Ein weiteres Ziel dieses Vorgehens ist es, domänenübergreifende Wertschöpfung in vernetzten Ökosystemen zu generieren und damit nachhaltige Ökosysteme mit mittelständischen Unternehmen und dem Handwerk aufzubauen.

Jedes Micro Testbed hat mindestens einen Moderator, der mit seinen Fragestellungen die Mitglieder des Micro Testbeds zur Diskussion anregt und mögliche Lösungsansätze moderiert. Ein bis zwei Impulsgeber können Experten aus der Industrie oder der Wissenschaft sein. Diese stoßen die Themen an, zeigen Lösungsansätze aus anderen Branchen auf, verweisen auf Technologien, die bereits im Einsatz sind etc. Der wissenschaftliche Betreuer des Ferdinand-Steinbeis-Institutes analysiert beobachtend die Handlungsweisen und den Ablauf der Sitzungen, um daraus Handlungsanleitungen zu entwickeln. Im ersten Ansatz des vom Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau des Landes Baden-Württemberg initial geförderten Micro Testbed-Projekts wurden vier Branchen adressiert: Einzelhandel, Handwerk, Dienstleistung sowie Werkzeug- und Formenbau. Der Fokus in den einzelnen Branchen lag auf der Zusammensetzung der Micro Testbed- Teilnehmer und auf der gemeinsamen Auswahl der Problemstellung, mit der sich die Unternehmen im Rahmen der Digitalisierung konfrontiert sehen.

Im Micro Testbed Handel ist die Einrichtung eines virtuellen Shops mit Anbindung an alle Lieferantenshops (Regalverlängerung) erarbeitet worden. Ziel war es auszuprobieren, wie die vorrätige Ware untereinander durch einen digitalen Prozess den unterschiedlichen Shops zugeführt werden kann. Damit hat jeder Einzelhändler Zugriff auf Ware, die er nicht im Ladengeschäft verfügbar hat, und ist somit in der Lage, dem Kunden kurzfristig seinen Wunsch zu erfüllen, bevor dieser die Ware im Online-Handel bestellt.

Im Micro Testbed Dienstleistung ist eine einfache Track-and-Trace-Lösung für die Zeiterfassung, Arbeitskontrolle und Dokumentation ausprobiert worden. Ziel war es, mit einfachen digitalen Werkzeugen diverse Prozesse der am Micro Testbed beteiligten Unternehmen (Reinigung, Hausmeisterservice, Cateringleistungen, Reparaturdienstleistung) transparent und für den Kunden nachvollziehbar zu machen. In diesem Micro Testbed haben die Teilnehmer aus den unterschiedlichen Bereichen erkannt, dass alle das gleiche Problem haben und es für dieses Problem bereits einfache digitale Lösungen gibt, die man in seine Prozesse integrieren kann.

Im Micro Testbed Handwerk hat man sich im ersten Schritt auf die Building Information Modeling (BIM)-Thematik konzentriert. Die Testbed- Teilnehmer stellten fest, dass die Zusammenarbeit entlang der Wertschöpfungskette zwischen den Architekten/Planern und Handwerkern noch nicht reibungslos funktioniert. Schnittstellenthemen, durchgängige Prozesse, einheitliche Sprache etc. wurden als Hindernisse genannt. In einem weiteren Ansatz wurde eine Datenbrillenlösung für die Überwachung und Qualitätskontrolle in den verschiedenen Gewerken erprobt.

Im Micro Testbed Werkzeug- und Formenbau wurde das Thema Additive Fertigung und die damit einhergehenden Prozess- und Wertschöpfungsveränderungen aufgezeigt und an einem konkreten Beispiel durchgeführt. Wie können Ersatzteile aus bestehenden Zeichnungen in Losgröße 1 hergestellt werden? Wie kann man zum Beispiel historische Türgriffe, für die es keine Unterlagen mehr gibt, durch additive Fertigung so herstellen, dass sie dem Original entsprechen? Sämtliche notwendigen Verfahren und Prozesse wurden an konkreten Aufgabenstellungen vorgestellt und auch ausgeführt.

In allen vier Micro Testbeds hat sich gezeigt, dass der Ansatz des Ferdinand- Steinbeis-Instituts den Unternehmen im Rahmen von Micro Testbeds die Herausforderungen der Digitalisierung aufzuzeigen und konkrete Problemlösungen mit den Unternehmen zu erarbeiten sehr ziel- führend ist. Viele Projektpartner haben zum ersten Mal gelernt, in Geschäftsfähigkeiten und Ökosystemen zu denken sowie Erkenntnisse aus dem gemeinsamen Entwickeln von Lösungen mit anderen Mittelständlern zu erhalten. Die wissenschaftliche Betrachtung der Micro Testbeds durch das FSTI hat das Ziel Erkenntnisse zur Wertschöpfung in Unternehmensnetzwerken zu sammeln. In der ersten Phase wurden Herausforderungen sowohl für die Unternehmen als auch für die Durchführung der Projekte erkannt. Diese werden nun evaluiert und zur Optimierung der Micro Testbed-Methodik verwendet.

Die Ergebnisse des Projektes haben das Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau Baden-Württemberg motiviert, weitere Projekte im Rahmen der Digitalisierungsoffensive aufzusetzen. Erkannte Verbesserungspotenziale in dem Modellieren von Geschäftsfähigkeiten oder Erproben des Proof of Concept werden in den derzeit laufenden acht Micro Testbeds von 2017 bis 2019 umgesetzt. Neue Domänen wurden dafür identifiziert, um weiteren mittelständischen Unternehmen im Zuge der Digitalisierung und Vernetzung neue Geschäftspotenziale aufzuzeigen. Zudem besteht das Ziel den Einsatz der Methodik domänenunabhängig zu entwickeln und einen breiten Einsatz zu ermöglichen.