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Medizinische Notfallversorgung: Tele-Medizin als Helfer auf dem Land

Steinbeis-Experten unterstützen notfallmedizinische Neuausrichtung des Landkreises Vorpommern- Greifswald

 

In vielen ländlichen Regionen gibt es immer weniger Notärzte und das obwohl die Anzahl der Notfälle steigt. Hier soll die Digitalisierung im Medizinbereich helfen: Ein Schlüssel zur Lösung ist der Telenotarzt, der in einer integrierten Leitstelle per Telefon-, Videoverbindung und Echtzeit-Vitaldatenübertragung den Notfalleinsatz begleitet. Das Pilotprojekt „Land|Rettung“ soll für die bundesweit rund 70 dünn besiedelten Kreise testen, wie diese Gebiete ihre Notfallversorgung in hoher Qualität und mit tragbaren Kosten aufrecht erhalten können.

Das Pilotprojekt wird vom Eigenbetrieb Rettungsdienst des Landkreises Vorpommern-Greifswald zusammen mit dem Steinbeis-Transfer-Institut zeb/business.school, der Universität und Universitätsmedizin Greifswald durchgeführt und vom Innovationsfonds der Krankenkassen mit rund 5,5 Mio. Euro gefördert. Das Steinbeis-Transfer-Institut zeb/ business.school der Steinbeis-Hochschule Berlin hat das Konzept mitentwickelt und koordiniert aktuell die wissenschaftliche Begleitforschung, um die Nachhaltigkeit des Projekts im Landkreis Vorpommern- Greifswald und die Übertragbarkeit auf andere Regionen sicherzustellen.

Der deutsche Rettungsdienst steht vor der Herausforderung, stetig steigende Einsatzzahlen bei zunehmendem Ärzte- und somit auch Notärzte-Mangel zu bewältigen, speziell in den ländlichen Gebieten. In 43,5% aller Notfalleinsätze bundesweit wird aufgrund der Meldebilder zusätzlich zum nicht-ärztlichen Personal ein Notarzt ausgesandt. Für den Landkreis Vorpommern-Greifswald zeigen Simulationsrechnungen, dass die in der Rettungsdienstplanverordnung des Landes Mecklenburg- Vorpommern geforderten Hilfsfristen für ein Notarzteinsatzfahrzeug in 10 der 36 Postleitzahlengebieten nur schwer erreicht werden können.

Viele der Rettungsdiensteinsätze entstehen auf Grund von Herz-Kreislauferkrankungen, die die häufigste Todesursache in Deutschland und besonders zeitkritisch sind. Hierbei wird das Gehirn nicht mehr mit Sauerstoff versorgt und bereits nach drei bis fünf Minuten irreversibel geschädigt. Daher ist in dieser Notfallsituation nicht allein die Hilfsfrist entscheidend, sondern vor allem das „therapiefreie Intervall“, also die Zeit vom Eintreten des Notfalls bis zum Einsetzen erster Hilfsmaßnahmen. Lange Anfahrtswege in ländlichen Regionen führen daher bei Patienten mit Herz-Kreislaufstillständen zu schlechteren Überlebenswahrscheinlichkeiten als in Ballungsgebieten. Um die Vorgaben des Rettungsdienstgesetzes auf konventionellem Wege zu erreichen, müssten eine Vielzahl von Notarztstandorten im Land neu gebaut, personell besetzt und finanziell unterhalten werden. Das Problem des therapiefreien Intervalls wäre damit aber nicht gelöst. Das durch den Innovationsfond geförderte Konzept beruht daher auf vier Säulen:

  1. Therapiefreies Intervall verkürzen durch flächendeckende Stärkung der Wiederbelebungskompetenz und Hilfsmotivation der Bevölkerung: Bei weniger als einem Drittel der Herz-Kreislaufstillstände wird derzeit in Deutschland eine Wiederbelebung durch Laien initiiert. Wiederbelebungsmaßnahmen durch den Rettungsdienst führen jedoch zu einem doppelt so guten Ergebnis, wenn bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes bereits Laien mit der Reanimation beginnen. Im Rahmen des Projektes soll die Rate an Laienreanimation durch intensive Öffentlichkeitsarbeit, Großveranstaltungen und niederschwellige Schulungsangebote erhöht werden.
  2. Schnelle professionelle Ersthilfe zusätzlich zum Rettungsmittel durch Alarmierung geschulter Ersthelfer per Smartphone: Der frühzeitige Beginn einer geeigneten Wiederbelebung erhöht die Überlebenschancen nach Herzstillstand deutlich. Eine Lösung zur Überbrückung der ersten Minuten stellt die Smartphone-basierte Alarmierung freiwilliger, medizinisch geschulter Ersthelfer dar. Nach Aktivierung durch die Rettungsleitstelle wird automatisiert je nach aktuellem GPS-Standort derjenige ehrenamtliche Helfer alarmiert, der dem Notfallort am nächsten ist.
  3. Schnellere und höhere Verfügbarkeit von Notärzten durch Einführung des Telenotarztes zur Verbesserung der notärztlichen Versorgung in Gebieten mit längeren Anfahrtszeiten: Im Rahmen eines Telenotarzt- Systems sind die nicht-ärztlich besetzten Rettungswagen mit einem Notarzt telemedizinisch verbunden. So kann die Zeit bis zum Eintreffen des Notarztes an der Einsatzstelle qualifiziert überbrückt werden und weniger schwere Fälle können selbstständig durch die Rettungsassistenten und Notfallsanitäter unter Supervision durch den Telenotarzt abgearbeitet werden.
  4. Engmaschigere Notfallversorgung durch Neuordnung der Zusammenarbeit des Kassenärztlichen Bereitschaftsdienstes, des Rettungsdienstes und der Notaufnahmen: Die notärztliche Versorgung und der kassenärztliche Bereitschaftsdienst finden im Landkreis Vorpommern-Greifswald bislang unabhängig voneinander statt und sollen koordiniert werden. Dazu sollen gemeinsame Alarmierungswege und eine gemeinsame Leitstelle geschaffen werden, um die Rettungsdienste von weniger kritischen Notfällen zu entlasten.

Das Steinbeis-Transfer-Institut zeb/business.school koordiniert die Projektevaluation und hilft so, den Erfolg des Projekts zu sichern: Die Stärkung der Laienreanimation soll zu einer messbar höheren Hilfsmotivation und -kompetenz sowie deutlich mehr Ersthilfeleistungen führen. Das Ziel ist, dass bei einer deutlich steigenden Anzahl von Patienten mit Herz-Kreislaufstillstand Ersthelfer vor dem Rettungsteam eintreffen, um das therapiefreie Intervall bis zum Eintreffen professioneller Retter zu verkürzen. Eine höhere Verfügbarkeit und Qualität von Notarzteinsätzen durch eine Telenotarzt-Anwendung soll anhand des Anteils der Notfälle, die vom Telenotarzt übernommen werden können, sowie der medizinischen Qualität bei definierten Tracerdiagnosen bewertet werden. Die bessere Abstimmung von Rettungs- und kassenärztlichem Bereitschaftsdienst soll dazu führen, dass der Rettungsdienst durch weniger Fehleinsätze belastet wird und der Ausbau von regelmäßig besetzten festen Anlaufstellen des ärztlichen Bereitschaftsdienstes gefördert wird.

Kontakt

Prof. Dr. Joachim Hasebrook

Dirk Scheer

Univ.-Prof. Dr. med.
Klaus Hahnenkamp

Dr. med. Peter Brinkrolf

Prof. Dr. Joachim Hasebrook ist akademischer Leiter des Steinbeis- Transfer-Instituts zeb/business.school. Das Steinbeis-Unternehmen bietet das gesamte Spektrum einer akademischen Ausbildung in berufsbegleitenden Studiengängen an. Parallel zum Lehrbetrieb werden am Steinbeis-Transfer-Institut zeb/business.school kontinuierlich Forschungs- und Entwicklungsprojekte in verschiedenen Bereichen durchgeführt.

Prof. Dr. Joachim Hasebrook
Steinbeis-Transfer-Institut zeb/business.school (Baden-Baden)

Dirk Scheer ist Beigeordneter und Dezernent im Dezernat 2 des Landkreises Vorpommern-Greifswald.

Dirk Scheer
Landkreis Vorpommern-Greifswald

Univ.-Prof. Dr. med. Klaus Hahnenkamp ist Direktor und Dr. med. Peter Brinkrolf Mitarbeiter der Klinik für Anästhesiologie (Anästhesie, Intensiv-, Notfall- und Schmerzmedizin) der Universitätsmedizin Greifswald.

Univ.-Prof. Dr. med. Klaus Hahnenkamp, Dr. med. Peter Brinkrolf
Universitätsmedizin Greifswald – Klinik für Anästhesiologie (Anästhesie,Intensiv-, Notfall- und Schmerzmedizin) (Greifswald)