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Digitale Transformation: Fit für die digitale Zukunft?!

Hat Deutschland den Einstieg verpasst?

Dass digitale Transformation keine Option mehr, sondern ein Muss für Unternehmen ist, darüber sind sich alle einig. Nur in der Praxis funktioniert die Umsetzung nicht so reibungslos wie in der Theorie. Woran das liegt und wie man dem entgegenwirken kann, damit hat sich Stefan Odenbach, Projektleiter am Steinbeis-Transferzentrum Technologie – Organisation – Personal (TOP) auseinandergesetzt und dabei auf die Erfahrungen anderer Steinbeis-Experten zurückgegriffen.

Die digitale Transformation ist in aller Munde. Sie ist als Wandel von bestehenden Unternehmensprozessen zu verstehen und umfasst die strategischen Maßnahmen eines Unternehmens zur Digitalisierung mittels Einsatz von neuen, digitalen (IT-)Technologien wie zum Beispiel Social Media, Big Data, Cloud-Computing, Internet-of-Things (IoT) und Industrie 4.0. Laut aktuellen Studien (unter anderem von BITKOM oder GfK Nürnberg) ist Deutschland dabei, diesen großen Umbruch zu verschlafen. Die Automobilbranche mit der Elektromobilität ist das Paradebeispiel. Die größten Hemmnisse für viele Unternehmen und deren Entscheider sind die „Verteidigung bestehender Strukturen“ und mangelnde IT-Fachkompetenzen.

Das Thema Digitalisierung ist längst keine Modeerscheinung mehr und dennoch kommt es nicht nur Franz Beckenbauer abermals überraschend vor: „Ja, ist denn heut schon Weihnachten?“ Ähnlich geht es der Mehrzahl der Firmen in Deutschland. Und selbst IT-Firmen, die innovative Software und Lösungen für die eigenen Kunden anbieten, arbeiten im Back-Office teils noch wie vor 25 Jahren.

Vor über zehn Jahren war es noch die Globalisierung, doch heute verändert die digitale Transformation maßgeblich die globalen Wertschöpfungsketten und Unternehmensstrukturen der Firmen. Betroffen sind DAX-Unternehmen und der Mittelstand sowie die ganze Gesellschaft. Selbst führende Konzerne müssen sich durch die digitale Transformation völlig neuen Herausforderungen stellen, das etablierte Geschäftsmodell anpassen oder komplett überdenken. Der digitale Wandel macht vor keiner Branche halt und wirkt sich auf alle Marktteilnehmer aus – von Banken über Handel bis Pharma oder die traditionelle Medien- Branche. „Nur die Pommesbude bleibt (vorerst noch) offline“, sagt Philipp Depiereux, Gründer und Geschäftsführer von etventure.

Die Gretchen-Frage lautet also: Wie kann aus einer Couch-Potato ein Modell-Athlet werden? Der erste Schritt ist ein Fitness-Check in Sachen Digitalisierung zur Feststellung des Status Quo. Mit einem Praxisleitfaden kann jeder Manager seine digitale Fitness messen:

  1. Nutze ich effiziente Software wie CRM, ERP, DMS/ECM (lokal vs. Cloud)?
  2. Nutze ich meine Daten effektiv (BI und Biga Data, mobiler Datenzugriff)?
  3. Ist mein Management fit für das digitale Zeitalter (Verständnis für digitale Ökonomie)?
  4. Kann mein Unternehmen von mehr Konnektivität profitieren (interne/ externe Vernetzung)?
  5. Bietet die Digitalisierung Chancen bei der Internationalisierung (globales B2B/B2C möglich)?
  6. Ist der Einsatz von Social Media sinnvoll (welche Kanäle bieten neues Kundenpotenzial)?

Je nach Ergebnis lassen sich drei grundlegende Nutzertypen der Digitalisierung ableiten: Vorreiter, Mitläufer und Nachzügler. Vorreiter sind offensichtlich gut vorbereitet und sorgen dafür, dass es auch so bleibt, indem sie die Relevanz von Veränderungen regelmäßig auf die Probe stellen. Mitläufer kennen die Herausforderungen und sind dennoch an einigen Stellen noch nicht optimal aufgestellt. Meist werden Schwachstellen dann konsequent angegangen, wenn mehr Risiken (Bedrohungen) statt Chancen (Wettbewerbsvorteile) zu erwarten sind. Nachzügler sind unschlüssig, ob Digitalisierung auch in ihrer Branche eine Rolle spielen wird. Meist wird das Geschäftsmodell (viel) zu spät auf den Prüfstand gestellt. Diese Zusammenfassung kommt von Professor Karl Schekulin, Leiter des Steinbeis-Transferzentrums Verfahrensentwicklung, der auf eine 35-jährige Praxiserfahrung zurückgreift. Er sagte kürzlich, dass nicht fehlende Innovationen und Querdenker das Problem sind, sondern die Realisierungen im Hinblick auf Finanzierung und vor allem das hierfür benötigte Fachpersonal. Sein Ratschlag an die Manager ist: „Einfach den Startknopf drücken!“ In jüngster Zeit hat er (dies bestätigen auch diverse unabhängige Studien) trotz nahender technischer und struktureller Veränderungen im Mittelstand nur geringes Interesse an der Digitalisierung festgestellt, und zwar vorwiegend aufgrund boomender Konjunktur. Oft habe die Einhaltung der Lieferverpflichtungen Vorrang, Arbeit sei mehr als genug da und diesen Boom will man natürlich finanziell mitnehmen. Dabei haben die meisten eine ausgeprägte Monokultur hinsichtlich ihrer Produkte und Fertigungstechnologien. Wenn der Strukturwandel (Transformation) voll zum Tragen kommt, sehen Karl Schekulin und die digitalen Ökonomen für viele Mittelständler tief schwarz.

Ein weiterer Punkt sei die generelle Produkt- und Fertigungsstrategie. Während sich viele noch mit Industrie 4.0 und der digitalisierten Produktion abmühen, gibt es schon seit einiger Zeit Strömungen in Richtung „Industrie 5.0“ (kollaborierende Industrie, zurück zur menschlichen Note) aufgrund einer steigenden Nachfrage nach stark individualisierten Produkten (Losgröße 1), die heute noch oft völlig „overengineered“ sind. Hier gibt es noch große Herausforderungen für die Zukunft. Somit steht fest, dass wir noch eine ganze Heerschar an digitalen Querdenkern benötigen und dass das analoge Bauchgefühl jeder künstlichen Intelligenz überlegen ist.