- Steinbeis Transfermagazin - https://transfermagazin.steinbeis.de -

„Der Mittelstand steht bei der Digitalisierung besonderen Herausforderungen gegenüber“

Im Gespräch mit Professor Dr.-Ing. Ben Marx und Professor Dr. Christian Cseh, Leiter des Steinbeis- Transferzentrums Processes in Motion

 

Wer digitalisieren will, muss IT-Projekte umsetzen. Das gilt auch für den Mittelstand, aber wenn es darum geht, IT-Projekte tatsächlich anzupacken, stellt sich schnell heraus, dass für dieses Firmensegment ganz andere Regeln gelten als für Großunternehmen. Bei der Suche nach Partnern fängt es an und zieht sich bis zur Umsetzung einer Digitalisierungslösung. Professor Dr. Ben Marx und Professor Dr. Christian Cseh erläutern im Gespräch mit der TRANSFER die besonderen Bedingungen des Mittelstands und wie man ihnen begegnen kann.

Wie unterscheidet sich die Ausgangslage bei mittelständischen Unternehmen bei der Umsetzung der IT-Projekte von der der Großunternehmen?

Ben Marx: Dies hängt zum großen Teil einfach damit zusammen, dass IT-Projekte teuer sind und relativ schnell amortisiert werden müssen, weil die Technik sich in diesem Bereich immer noch rasant entwickelt und aktuelle Lösungen schnell veralten können. Die hohen Initial- und Betriebskosten einer Digitalisierungslösung sind in einem größeren Unternehmen meist leichter aufzufangen, weil sie einfach besser verteilt werden können. Es ist eben nicht dasselbe, für 20 Maschinen ein Verfahren zum Condition Monitoring einzuführen oder dies für 2.000 Maschinen zu tun.

Christian Cseh: Es gibt Ansätze für IT-Projekte, die für kleinere und viele mittelständische Unternehmen einfach nicht geeignet sind. Manch eine Projektvorstudie, die von drei Beratern zwei Wochen lang vorgenommen wird, erreicht Kosten, die ein Mittelständler jenseits der Größenordnung des Gesamtprojekts sieht. Dazu kommt, dass ausgesprochen viele Trends in der Wirtschaft, insbesondere in der Industrie, derzeit direkt oder indirekt etwas mit IT zu tun haben, sei dies Industrie 4.0, autonomes Fahren oder Big Data. Die Konkurrenz um die Ressourcen in diesem Markt hat zu einer Zuspitzung geführt, die Mittelständler besonders merken.

Das klingt fast hoffnungslos. Was können mittelständische Unternehmen denn dagegen tun?

Ben Marx: Das stimmt, dass der Mittelstand bei der Digitalisierung besonderen Herausforderungen gegenüber steht, aber nein, die Lage ist nicht hoffnungslos, und auch Großunternehmen haben es mit IT-Projekten nicht leicht. Die KMU können ihre Flexibilität nutzen und viel selektiver an ein IT-Projekt herangehen. Ein Fehler ist es sicherlich, Projekte quasi unter den Prämissen eines Großunternehmens zu starten, dann festzustellen, dass alles viel zu teuer wird, und am Ende gar nichts zu machen. KMU können den Fokus für ein Projekt meist viel enger ziehen – da müssen nicht immer gleich 30 Leute am Tisch sitzen, und auch das spart Geld. Und sie tun sich wesentlich leichter mit einem iterativen Vorgehen – das ist ohnehin ganz groß angesagt in der IT-Welt – bei dem zunächst nutzbare Teillösungen eingesetzt werden, um dann schrittweise zu optimieren. Auch das Konzept „Alles-aus-einer-Hand“ sollten Mittelständler überdenken. Dafür wird auch gerne der Begriff der „monolithischen“ Lösung verwendet: Ein Produkt, das alles kann, was ich brauche. Der vermeintliche Nutzen davon liegt darin, dass ich mir durch eine solche Lösung viel Ärger erspare, zum Beispiel mit Integrationsarbeiten oder beim Support. Diese Vorteile gibt es zwar wirklich, aber ihnen steht eine ganze Menge Nachteile gegenüber. Wenn ein Produkt den Großteil der Aufgaben in einem Unternehmen erfüllt, dann wird es sehr schwierig dieses Produkt auszutauschen, was das Unternehmen in große Abhängigkeit vom Anbieter des Produkts bringen kann. Das kann sich im Mittelstand besonders stark auswirken, wo das einzelne Unternehmen als Kunde für einen Software-Anbieter meist weniger interessant ist, als dies bei Großunternehmen der Fall ist.

Christian Cseh: Ein anderer Nachteil ist die eingeschränkte Flexibilität und Beweglichkeit. Wenn man eine in sich geschlossene Lösung eines Anbieters hat und eine neue Funktionalität braucht, dann ist man auf diesen Hersteller angewiesen, und darauf, dass er diese Funktionalität auch tatsächlich anbietet. Und wenn er sie anbietet, dann muss man den von ihm vorgegebenen Preis akzeptieren, weil man keine Alternativen in Betracht ziehen kann. Daher ist es kein Wunder, dass solche Allin- one-Lösungen mittlerweile weitgehend aus der Mode gekommen sind. Großunternehmen setzen schon länger auf modulare Lösungen.

Sie sprechen von modularen Lösungen, wie können diese aussehen?

Christian Cseh: Modulare Lösungen sind im Prinzip das Abbild der arbeitsteiligen Gesellschaft auf die IT. Jeder macht das, was er wirklich gut kann, und alles andere machen eben andere. Im Bereich der IT haben wir es dann mit Teillösungen zu tun, die in ihrem speziellen Bereich wirklich gut sind, aber nicht versuchen Dinge zu tun, für die sie keine Spezialisten sind. In den neunziger Jahren haben Hersteller mittelständischer Software oft noch eigene Programme für das Datenmanagement geschrieben. Heute gibt es das praktisch nicht mehr: Jeder verlässt sich dabei auf ein Datenbankmanagementsystem, weil er weiß, dass es die betreffenden Aufgaben viel schneller und verlässlicher erledigen kann, als die Software von jemanden, der eigentlich ein Programm zur Mitarbeiterzeiterfassung schreiben möchte.

Ben Marx: Meist sehen modulare Lösungen so aus, dass gewissermaßen in der Mitte ein ERP-System sitzt, das die Basisfunktionen abdeckt, von denen viele sogar gesetzlich vorgeschrieben sind. Dazu gehören Dinge wie Rechnungsstellung, Buchhaltung, Controlling und Personalwesen. Aber die Spezialfunktionen, wie zum Beispiel eine Flottenverwaltung oder die Datenerfassung für das Condition Monitoring, steuern andere Komponenten bei. Sie holen sich die benötigten Daten beim ERP ab, verarbeiten sie und geben relevante Ergebnisse wieder dorthin zurück. Dazu braucht man natürlich geeignete Schnittstellen.

Stellen denn solche Schnittstellen nicht wieder eine neue Abhängigkeit dar?

Christian Cseh: Nicht, wenn man dabei auf geeignete, auf offenen Standards basierende Kommunikationsprotokolle setzt. Mittlerweile gibt es eine ganze Reihe von offenen, standardisierten Möglichkeiten, um für unterschiedliche Systeme einen Datenaustausch zu realisieren. In der klassischen IT-Welt sind dies vor allem das http-basierte Protokoll SOAP und REST-Schnittstellen. In der IT-zu-Maschine-Welt von Industrie 4.0 kommt vor allem OPC-UA dazu. Wenn man also Software beschafft, sollte man darauf achten, dass solche Standards unterstützt werden. Denn damit schafft man auch gute Voraussetzungen dafür, vorhandene oder zukünftige Funktionalität in der Cloud zu implementieren. Heute würden Sie als Kunde auch keinen Flachbildfernseher mit Herstellerspezifischem Anschluss und ohne HDMI-Anschluss kaufen. Bei Software ist das Kundenverhalten mit „Alles-aus-einer-Hand“ oft genau umgekehrt.

Welche Vorteile haben Cloud-Lösungen für den Mittelstand?

Ben Marx: Die Entscheidung für oder gegen eine Cloud-Lösung ist im Prinzip eine Make-or-Buy-Entscheidung. Auch wenn ich die Software nicht selbst anfertige, muss ich mich bei einer klassischen Inhouse-Lösung selbst um Einführung, Inbetriebnahme und Betrieb kümmern. Bei KMU kommt es dabei oft zu Überdimensionierungen, weil sich die Größe der IT-Lösung und des Unternehmens schlecht aufeinander abstimmen lassen. Nehmen Sie nur mal den Punkt des benötigten Personals: Wenn ein Unternehmen eine Software betreibt, die an allen Werktagen im Jahr einwandfrei laufen soll, dann müssen Sie im Prinzip dafür zwei Personen abstellen. Wenn diese Lösung 15.000 Benutzer hat, wie in einem Großunternehmen, kann man diese Personalkosten viel leichter abfedern, als wenn man die Kosten dafür auf 200 Anwender umlegen muss, wie ein Mittelständler. Cloud Computing ermöglicht gerade KMU den Zugriff auf IT-Lösungen auf Bedarfsbasis. Idealerweise so, dass sie nur dann Kosten verursachen, wenn das KMU auch selbst etwas fakturiert, also Nutzen daraus bezogen hat. Auf diese Weise entfernt Cloud Computing einen wesentlichen Hemmnisfaktor bei der Einführung der Digitalisierung in KMU und ermöglicht so Projekte, die anders gar nicht möglich gewesen wären – eine klassische Enabler-Rolle.

Kontakt

Professor Dr.-Ing. Ben Marx und Professor Dr. Christian Cseh sind Leiter des Steinbeis-Transferzentrums Processes in Motion. Das Steinbeis-Unternehmen bietet seit 2011 Produkte und Dienstleistungen im Bereich der „mobilen Prozesse“ an, also dem Bereich der Geschäftsprozessoptimierung mit Hilfe von Mobilgeräten wie Smartphones und Tablets. Vor dem Hintergrund besonderer Optimierungspotenziale im Bereich des After Sales Services fokussiert Processes in Motion besonders auf diesen Bereich. Prozesse des After Sales Services werden durch die Cloudbasierte Anwendung 4tfs unterstützt.

Professor Dr.-Ing. Ben Marx, Professor Dr. Christian Cseh
Steinbeis-Transferzentrum Processes in Motion (Göppingen)