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Nur was man sät kann man ernten

Die Gedankenwege eines Querdenkers

Individualität stünde in roten Lettern auf seinem Shirt – würde Jürgen R. Schmid nicht ausschließlich weiß tragen. Manchmal ist es eben gar nicht so einfach, ein friedlicher Rebell zu sein. Einer, der nach Freiheit strebt, aber gleichzeitig kontrolliert ist. Der provoziert, jedoch auf respektvolle Art. Diese Individualität auszuhalten, birgt aber auch eine große Chance: Wie das funktioniert, zeigt der Gründer und Geschäftsführer der Designschmiede Design Tech am Beispiel seiner Zusammenarbeit mit der Firma Heldele.

Jedes Projekt beginnt mit der Aufgabe – und hier liegt schon die erste Gefahr: die falsche Aufgabenstellung. Der renommierte italienische Automobildesigner Giorgetto Giugiaro, der dem Golf 1 sein „Gesicht“ gegeben hat, hat einmal gesagt: „Das Ergebnis ist eine Reflektion der Aufgabe.“ Er macht deutlich, welche Bedeutung der Aufgabenstellung zukommt. Gehen wir vom Falschen aus, kommt das Falsche raus. Nehmen wir die Aufgabe als gegeben hin und beginnen gleich entlang der Vorgaben mit der Arbeit, dann arbeiten wir nicht am Richtigen, auch wenn wir unsere Arbeit richtig machen. Umgeben wir uns mit Befehlsempfängern, sind unsere Partner „verlängerte Werkbänke“ oder Handwerker, die ihr Fach verstehen, dann bekommen wir nicht das beste Ergebnis. Auch daran muss gedacht werden – die alte Sicht der Dinge: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die vordergründige Aufgabenstellung lediglich der Ausgangspunkt ist, um sich mit einem Thema zu beschäftigen. Der Auftraggeber entwickelt die Aufgabe mit seiner Innensicht. Es gibt jedoch immer eine Vielzahl von bedeutenden Perspektiven. Mit der Arbeit kann also erst begonnen werden, wenn die Lösung der Aufgabe einen Erfolg verspricht. In der Praxis, bei mittelständischen Unternehmen und im Maschinenbau, ist das die Ausnahme. Ich beobachte, dass fast immer mit der Arbeit begonnen wird, bevor die Grundlagen für den Erfolg geschaffen sind.

Auch wenn manche das ungern hören: Wir brauchen mehr „unlösbare“ Aufgaben. Als die Firma Heldele auf mich zugekommen ist, wollte sie eine Stromtankstelle, die optisch ansprechend ist. Hätte ich mit dieser Vorgabe mit der Arbeit begonnen, wären tausende Varianten möglich gewesen und die Entscheidung für einen Favoriten wäre aus Willkür, aus persönlicher Vorliebe oder dem Geschmack der Entscheider getroffen worden. Erst als wir bei einer vielschichtigen Diskussion auch die möglichen Akzeptanzbarrieren untersucht haben, konnten wir die verdeckten Möglichkeiten und verborgenen Chancen erkennen, die schließlich über den Erfolg entschieden.

Nach intensiveren Recherchen und tiefgreifenden Untersuchungen wurde uns klar, dass neben der intuitiven Bedienbarkeit die Integration in das Umfeld einer Altstadt und gleichermaßen in die Metropole der Knackpunkt sein würde. Das Handicap war mir sofort klar: Die gesamte Elektronik benötigte das Volumen eines Parkautomats. Allerdings hatte ich noch keinen Parkautomaten gesehen, der sich ins Umfeld integriert. Also war die Baugröße der kritische Faktor. Ich schlug zwei Möglichkeiten vor: Die Elektronik muss unter die Erde oder sie muss auf die Größe eines Schuhkartons geschrumpft werden. Beide Möglichkeiten haben bei den Entwicklern Mitleid und Unverständnis ausgelöst. Verständlicherweise, denn keine der Möglichkeiten war scheinbar realisierbar.

Doch mit Mut und Weitsicht wurde auch dieses Problem gelöst. Die Geschäftsführung mit Unternehmergeist hat die Diskussion beendet: Die Miniaturisierung sollte verfolgt werden. Jetzt hatten die Entwickler Schweißperlen auf der Stirn, denn jeder wusste um die Unlösbarkeit der Herausforderung. Nach einem halben Jahr jedoch war die Elektronik der Stromtankstelle auf Schuhkarton-Größe geschrumpft. Eine großartige Leistung des Teams bei Heldele! Mein Industrial Design Team und ich waren in dieser Projektphase intensiv damit beschäftigt, die Ingenieure in jeder Hinsicht zu unterstützen. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten wir uns beim Heldele-Projekt null Komma null mit Design beschäftigt, keinen ästhetischen Ansatz entwickelt, denn Industrial Design steht nicht am Anfang des Projektes. Dennoch war dieser Schritt auf dem Weg zum Erfolg der Hauptteil unserer Leistung. Es handelte sich um Psychologie, Motivation, Mut, Visualisierung, kreative Prozesse…

Dieses Projekt war wie viele andere, mit denen wir uns täglich beschäftigen. Das attraktive Produkt ist ein willkommenes und erwünschtes „Abfallprodukt“ des „Process to success“. In erster Linie geht es zu Beginn darum, die Aufgabe herauszuarbeiten, um dann anschließend konsequent die harte Arbeit zu erledigen. Das ist meine Denkweise und sie führt immer zu Mehrwert und Lösungen, die vorher nicht vorstellbar waren. Nicht jedes Mal sind die Ergebnisse derart radikal und spektakulär, oft handelt es sich um Chancen, die aus dem Detail und der Optimierung heraus gefunden werden. Am Ende stehen immer der Erfolg und der Stolz der Mannschaft. Sie sind dann der Brennstoff für die nächste Aufgabe.