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„Man unterrichtet Menschen, nicht Fächer“

Im Gespräch mit Professor Dr. Bernd Jörs, Leiter des Steinbeis-Transferzentrums Online Marketing Engineering & Business Analytics und Professor für Informationsökonomie und Online Marketing Engineering an der Hochschule Darmstadt

Muss ein Hochschullehrer ein Querdenker sein? Wie viel „Querwirken“ zwischen Studium und Praxis braucht die Hochschule? Und wie ändert sich das Rollenverständnis eines Hochschullehrers in den Zeiten der Digitalisierung? Darüber und auch über den Relaunch des Hochschullehrerberufs hat die TRANSFER mit Professor Dr. Bernd Jörs gesprochen.

Herr Professor Jörs, was zeichnet Ihrer Meinung nach einen Querdenker aus? Würden Sie sich selbst als Querdenker bezeichnen?

In Deutschland habe ich manchmal den Eindruck, dass „Querdenken“ etwas Bedrohliches ausstrahlt, manchmal sogar etwas „Arrogantes“ oder „Besserwisserisches“. Häufig verbindet man hierzulande „Querdenker“ mit „Querulant sein“. Aber für mich sind Querdenker eine ganz wichtige wissenschaftliche Institution oder Person, da diese meinem wissenschaftlichen Erkenntnisprozess stets wichtige und vor allem notwendige Impulse und andere Sichtweisen geben. Diese Funktion zeichnet meiner Ansicht nach einen Querdenker oder eine Querdenkerin aus. Als Hochschullehrer schätze ich diese Querdenkereigenschaften schon deshalb, weil ich als Anhänger des kritisch-rationalen Wissenschaftsverständnisses nach Karl R. Popper stets falsche Denkansätze oder Fehler im Denken und in der Erkenntnissuche eliminieren möchte, das heißt die Falsifikation von Thesen gehört zu meinem Wissenschaftsverständnis, und ich bin glücklich, wenn ich diese Denkfehler oder Theorieschwächen erkenne, nicht dogmatisch an diesen festhalte und sehe, dass sich diese geänderten Erkenntnisse bewähren. Schauen Sie sich gerade die Diskussion zur Künstlichen Intelligenz an und die tolle Arbeit meiner Kollegin, Professorin Dr. Katharina Zweig (TU Kaiserslautern) und deren Initiative „Algorithm Watch“. Sie bekam völlig zu Recht den diesjährigen hochdotierten Ars-legendi-Fakultätenpreis des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft und Hochschulrektorenkonferenz. In meinem Fachgebiet, des Data Driven Online Marketing Engineering, ist aufgrund der Veränderungsdynamik die Diskussion mit Querdenkern ebenso dringend geboten. Dogmatisches Denken wäre hier die Tür zum Stillstand. Gerade in der Hochschularbeit verfolge ich diese wissenschaftsmethodische Sicht vehement, auch wenn etliche Wissenschafts- und Hochschulkollegen dieses stete Korrigieren und Falsifizieren als ziemlich anstrengend, nervig und unzeitgemäß empfinden. Aber Entspanntheit, Humor, „über den Dingen stehen“ und kein Anspruch, subjektive Wahrheitssuche als objektiv endgültige, unumstößliche Wahrheit zu „verkaufen“ und zu beanspruchen, sollten einen Querdenker kennzeichnen. Junge Studierende für ein Fach oder Thema zu gewinnen, ja zu begeistern, gelingt meines Erachtens gerade durch die frühzeitige Aufforderung, Querdenker- beziehungsweise Advocatus diaboli-Funktionen zu übernehmen, und ich fordere deshalb im Rahmen der Hochschullehre die Studierenden häufig auf, meine Ausführungen zu überprüfen und stets in Frage zu stellen. Das hat wirklich sehr positive Aufmerksamkeitseffekte. Das Smartphone bleibt dann meistens aus und auch Montagmorgen um 8.30 Uhr ist die Vorlesung ziemlich gut besucht. Auch methodenkritische Abschlussarbeiten sind dafür gut geeignet. Wenn die Offenheit für dieses Wissenschaftsverständnis vorliegt, wenn man durch stetiges Hinterfragen der eigenen Positionen und Methodik sowie durch Empathie am Wohl der Zuhörer interessiert ist, dann sind das schon notwendige Voraussetzungen für das Querdenken. Nur Querdenker sein oder sein wollen reicht nicht. Man muss auch als Querdenker stets sein eigenes Querdenken hinterfragen und Bescheidenheit zum wichtigsten Element des Querdenkens machen, gerade als „Sokratiker“, der um die Begrenztheit seines eigenen Wissens weiß. Wenn man dies so lebt, dann kann man gerne sagen, ich sei ein Querdenker.

Sie sind der „Professor des Jahres 2016“ in der Kategorie “Geistes-, Gesellschafts- und Kulturwissenschaften” des Wettbewerbs der Karriere-Zeitschrift “Unicum Beruf”. Offensichtlich hat dabei auch Ihr positives „Querwirken“ zwischen Studium und Praxis sowie Hochschule und Unternehmen eine Rolle gespielt. Ist dieses „Querwirken“ Absicht oder war es ein Zufall?

Wir haben als Hochschullehrer, das kann meines Erachtens nicht häufig genug betont werden, Verantwortung für die junge Generation und zunehmend auch für die Alumnis und deren beruflichen Entwicklungschancen. Wir müssen uns in dieser Hinsicht immer wieder bewusst sein, dass wir für diese Menschen da sind und nicht umgekehrt. Gerade die aktuellen Diskussionen über die Digitalisierung der Arbeitswelt und die damit verbundenen Prognosen zu den Auswirkungen auf die Arbeitswelt und die nachhaltigen Beschäftigungs(abbau)effekte, auch und gerade akademische Berufe betreffend, zwingen geradezu hier Verantwortung für die Zukunft und frühzeitige Diskussion der daraus resultierenden Qualifikationsanforderungen für die jungen Menschen zu übernehmen.

Die Praxisentwicklungen sind hochdynamisch, wie nicht zuletzt die Algorithmisierung beziehungsweise die innovationsgetriebenen kürzeren Entwicklungszyklen mit Try-and-Error-Mentalität zeigen. Um hier mit einschlägigen antizipativen Qualifikationen mitzuhalten, ist der intensive Kontakt mit dieser Akzelerationsökonomie und –praxis schon aus Dynamik- und Anschlussgründen zwingend und unabdingbar, ja fast schon existenziell. Gute Lehre sowie Forschung und Entwicklung sind im Bereich „Online Marketing Engineering“ ohne entsprechend adäquate Ausstattung, Massendatenverarbeitungsmöglichkeiten und das Hard- und Softwareinstrumentarium sowie Hochschulsponsoring und adäquate Drittmittelunterstützung der einschlägigen Praxis nicht mehr möglich.

Die Hochschullehrertätigkeit ist deshalb aus diesen Gründen und im „War for Talents“ gerade gefordert, den Talenten die Türen für den Berufseinstieg durch diese antizipativ-perspektivische Qualifikation (möglichst mit Alleinstellungsmerkmalen) und vor allem durch aktive und frühzeitige Kooperation mit und durch Einbindung der Praxis zu öffnen. Die Verwissenschaftlichung der Praxis und die Anwendungsorientierung beziehungsweise Berufsbezogenheit der akademischen Qualifikation sind Tatsachengegebenheiten. Umgekehrt muss die Praxis zeitnah über die Qualifikationsqualität unterrichtet werden, damit diese eine realistische Einschätzung der wahren Skills der Absolventen vornehmen kann, denn bei mehreren tausend Bachelor- und Masterstudiengangangeboten wird die realistische Einschätzung der in Abschlusszeugnissen aufgelisteten Leistungen immer schwerer. Hier ist eine aktive Unterrichtung der Praxis seitens der Hochschullehrer zwingend zu verbessern. Dies sehe ich als Bringschuld der Hochschulen und der Dozenten, die als Karriere- und Wegbereiter der Absolventen hier als verantwortliche Qualifikations- und Talent-Agenten fungieren müssen. Die Zunahme an Studiengängen und die Schwierigkeit für die Unternehmen, die Qualifikationsunterschiede der vielen Hochschulausbildungsgänge zu erkennen, gerade bei vielen neuen (interdisziplinären) Schnittstellenstudiengängen, erfordert ein aktives Zugehen auf die Unternehmen, das weit über ein reines „Networking“ und „Partnership-Denken“ hinausgeht. Entscheidend für den Erfolg, auch den langfristigen Erfolg einer solchen „WIN-WIN-Hochschul-Praxis-Partnerschaft“ ist, neben dem persönlichen Networking vor allem die Tatsache, die inhaltlichen Anforderungen, die zur Lösung von ausgewählten (Praxis)Fragestellungen in den Unternehmen notwendig sind, zu kennen und durch antizipative Qualifikation dafür geeignete Studierende in die Unternehmen zu bringen, was beides zu den Aufgaben des Hochschullehrers zählen sollte. Der Vermittlungserfolg, so meine Erfahrung, basiert – bei der genannten Konkurrenz der Hochschulabschlüsse – auf dem nachweislichen und anerkannten Erfolg der fachlichen und persönlichen Eignung der jeweiligen Studenten. Zudem resultiert aus dieser Verantwortung eine ernst gemeinte, vorausschauende und personalisierte „Mentoren- bzw. Karrierecoachingtätigkeit“, die vor allem hochschulextern ausgerichtet ist und, wenn möglich, auch nach Ende des Studiums fortdauert. Der Vision einer lebenslangen Lern-/Lehrpartnerschaft gilt es hier den Weg zu bereiten. Die Arbeitsplätze der Zukunft für junge Leute werden gesicherte und langjährige Bindungen zu einem Arbeitgeber kaum noch hervorrufen. Flexible, zeitlich begrenzte, mit hoher privater, berufsbedingter und geographischer Mobilität, mit hoher Unsicherheit behaftete und ständigem Weiterqualifikationsdruck versehene Arbeitsbedingungen und Tätigkeitsfelder kennzeichnen den Arbeitsmarkt der Hochschulabsolventen. Durch Firmenkontakte und damit verbundene berufsmarktrelevante Ausbildung und Qualifikation müssen meines Erachtens gerade Hochschullehrer dafür sorgen, dass die Studenten frühzeitig die entsprechende fachliche und sozialkompetente Berufseinsatzreife erhalten und die Hochschullehrer selbst nicht den Anschluss an die Qualifikationsnotwendigkeiten und dynamischen Anforderungsgeschwindigkeiten verlieren, gerade in meinem Tätigkeitsfeld an der Schnittstelle von Wirtschaftswissenschaft, Informatik und Informationswissenschaft.

Schon aus diesen wenigen Gründen, es ließen sich noch mehr anführen, war dieses „Querwirken“ kein Zufall, sondern geschah in voller Absicht, zum Wohle der eigenen Weiterentwicklung, aber vor allem zum Wohle der Studierenden und der Praxis. Ich finde, Steinbeis lebt dies in vielen Bereichen vor. Und ich würde gerne diese Intentionen von Steinbeis mit entsprechenden Aktivitäten mit Leben erfüllen.

Herr Professor Jörs, Sie beschäftigen sich intensiv mit dem Relaunch des Hochschullehrerberufs, warum ist Ihnen das so wichtig? Ist ein Querdenker-Ansatz in dieser Frage ein Muss?

Wenn wie ich mehr als 30 Jahre im Hochschullehrerberuf aktiv ist, lernt man eines ganz besonders und immer mehr: „Man unterrichtet Menschen, nicht Fächer“. Vor einem Professor sitzen nicht anonyme Matrikelnummern, für die man keinerlei Verantwortung trägt. Gerade in einem Bereich wie die neuzeitliche Informationsökonomie beziehungsweise das Online Marketing Engineering oder die neuere KI-gestützte Business Analytics-Welt erlebt man hautnah die Dynamik dieser Disziplinen mit. Wer diesen Hochschullehrerberuf wählt, muss sich darüber ganz besonders im Klaren sein, dass er oder sie immer diese junge Ziel- und Altersgruppe vor sich sitzen hat. Dazu benötigt man eine ganz klare Einstellung: Ich lehre gerne und ich mag diese jungen Menschen im Alter von 18-27 Jahren. Ich freue mich auf diese Jahrgänge und darauf, wenn diese Nachwuchskräfte erfolgreich lernen und Erfolg im späteren Beruf haben. Diese emotionale Bindung an die jungen Leute und Talente ist aus meiner Sicht eine dringende Voraussetzung für diesen Beruf, um ihn insbesondere mit der notwendigen Verantwortung zu übernehmen. Um diese jungen Zuhörer zu erreichen, ist es notwendig, sich mit dieser Zielgruppe und Zuhörerschaft permanent auseinanderzusetzen und zu wissen, welche Probleme diese jungen Menschen haben und haben werden, wie man sie am besten erreicht und unterstützen kann. Da aber hochschuldidaktische Befähigungen zum „Feuer legen“ bei jungen Menschen nicht unbedingt zu den akzeptierten Berufungsvoraussetzungen zählen, wissenschaftlich gar als minderrelevant abqualifiziert werden, führt diese überragend notwendige Berufsqualifikation weiterhin ein verkümmertes Dasein, wie zuletzt der scheidende Präsident des Wissenschaftsrates, Professor Dr. Manfred Prenzel, betonte. Man sollte sich ganz klar darüber werden, dass man den falschen Beruf gewählt hat, wenn man gebetsmühlenartig, wie schon immer auch in der eigenen Kindheit, auf die “immer schlechteren Leistungsfähigkeiten“ der Nachwuchsgenerationen hinweist, hohe Durchfallquoten als Leistungsindikatoren für seine angeblich hohe wissenschaftliche Befähigung, hohe Selektionsfähigkeit und Unerreichbarkeit ansieht, sich die Studierenden damit „vom Hals“ hält, die Flucht in die ausschließliche Forschungsdominanz seines Berufs als Auszeichnung empfindet, denn sonst hieße man Hochschulforscher und nicht Hochschullehrer.

Aufmerksam wurde ich zunehmend, als ich gesehen habe, dass die Entfremdungstendenzen zwischen Hochschule, Hochschullehrer und Studierenden immer deutlicher wurden. Immer mehr fielen mir die „unglücklichen“ Hochschullehrer auf, die in der Lehre frustriert das Desinteresse an ihren Lehrveranstaltungen und der studentischer Nachfrage nach ihren Lehrveranstaltungen herunterschluckten und in die „Elfenbeinturm-Forschung“ mit kleineren, unbedeutenden, ungelesenen und nicht zitierten Publikationen „flohen“. Die depressiv machende Frustration nahm noch zu. Burn-out, aggressives Prüferverhalten, Krankentage und schlechtes Reden über den studentischen Nachwuchs nahmen zu. Letzte berufliche Hoffnung waren dann noch die Gremientätigkeiten und Ämteranhäufungen. Irgendwo muss ein wenig Berufszufriedenheit ja herkommen. Aber auf Dauer reicht das nicht. Man hatte wohl den falschen Beruf gewählt. Auch die Ergebnisse des 12. Studierendensurveys der Universität Konstanz, die Erhebungen des Wissenschaftsrates, des Stifterverbandes der Deutschen Wissenschaft und der Hochschulrektorenkonferenz sowie des Aktionsrates Bildung in Bayern haben mich stutzig gemacht und gleichzeitig bestätigt und bestärkt, mich mit der Notwendigkeit des Relaunch des Hochschullehrerberufs zu beschäftigen. Gerade mit Empathie und Mitgefühl etwas zu tun, die Fähigkeit, bei jungen, oft orientierungslosen Menschen, „Feuer zu legen“ beziehungsweise für ein Thema zu „brennen“ und zu begeistern, etwas mit Leidenschaft zu tun, gegen die extrem hohen Studienabbrecherquoten (33%) etwas zu unternehmen und nicht in Gleichgültigkeit oder permanenter Abwesenheit zu baden (Di-Do-Mi-Professur; 5 Monate vorlesungsfreie, „Bitte-nicht-stören“-Zeit), hielt ich für dringend notwendig. Die Zahl „Feuer legender“ Lehrveranstaltungen nimmt permanent ab. Priorität haben problem- oder projektorientierte Lehrveranstaltungen, die – meist in Gruppenarbeit – keine größeren inhaltlichen Vorbereitungen benötigen. Die Hochschulen sind in vielen Bereichen nur noch eine Durchlaufstation oder gar bessere Berufsschule als die Alternative: duale Ausbildung. Bei über 18.400 Bachelor- und Master- und sonstigen Studienangeboten kommen die ca. 330 dualen Ausbildungsangebote nicht mit. Alle staunen über die zunehmende Zahl von Studierenden. Wissenschaftliche Neugier und Hyperambitionen stehen nach den Untersuchungen des Konstanzer Studierendensurveys nicht dahinter, sondern eher berufliche Chancen- beziehungsweise Überlebenspotenziale und Einkommenseffekte. Alle weisen auf die beschäftigungspolitischen Folgen der Digitalisierung hin, die immer mehr eine Lücke von höherer Qualifikation und einfacher/mittlerer Qualifikation zur Folge haben. Gleichzeitig sprechen dann manche vom Akademisierungswahnsinn. Man muss – gerade als Mitglied der Baby-Boomer-Generation, die alle persönlichen und beruflichen Auswahlmöglichkeiten hat(te), den jungen Leuten schon sagen, was hier für arbeitsmarktrelevanten Folgen vor der Tür stehen, und dafür durch gelebtes „Kümmern“ um die jungen Leute Verantwortung übernehmen. Mein Standardmotto: „Wir sind für die Studierenden da, und nicht umgekehrt“, wird meist als hinderlich angesehen und leicht belächelt. Man ist ja in der gremiensichernden Mehrheit. Wenn Sie so wollen, bin ich auch in dieser Hinsicht „Querdenker“.

Beide, die Hochschullehrergruppe und die Studierenden, haben sich in vielen Bereichen auf diesen Zustand hin bequeme Nischen eingerichtet. Weniger Lehraufwand, weniger Präsenz, gerne eine ICE-Reiseprofessur, mehr Zeit für persönliche Forschung und (ungelesene unzitierte) Publikationen, all das forciert die Entfremdungstendenzen und reduziert erheblich die Identifikation mit der jeweiligen Hochschule und seinen Geldgebern. Hochschullehrer haben in der heutigen Zeit einen relativ selten Status: Sie sind meist Inhaber einer sicheren Arbeitsplatzes mit allen seinen Annehmlichkeiten. Und die werden meist voll ausgenutzt, in Kombination mit der Tatsache, dass man meistens nur „Ansprüche“ stellt. Der Hochschullehrerberuf braucht aus meiner Sicht ein neues Selbstverständnis. Dazu gehört auch eine höhere Wertschätzung der Hochschullehre, die Anerkennung der Vielzahl evidenzbasierter hochschuldidaktischer und neurobiologischer Erkenntnisse der Lehrforschung, die strengere Prüfung der Berufszulassung aufgrund didaktischer Befähigungstests (also vor der Berufung), die Akzeptanz der durch eine Unmenge von internationalen Meta-Studien nachgewiesenen höchsten Bedeutung des Lehrers für den Lernerfolg sowie die Suche nach alternativen Beschäftigungsmöglichkeiten für „unglückliche“ Dozenten. Wenn man das nicht will, werden die Studierenden zunehmend die Online-Video-(Streaming)-Lehrangebote von YouTube oder MOOC als Alternative zu den schlechten, hochschuldidaktisch unausgereiften und unfähigen Hochschullehrern wahrnehmen. Die Leere in den Hörsälen wird zunehmen. Wenn man das so will, weil man noch weniger Lehrverpflichtungen dann hat, wird die Entfremdung noch mehr eskalieren. Will man das?

Um eine Zukunft zu haben, muss ein Beruf sich ständig weiterentwickeln und sich selbst hinterfragen. Wie soll Ihrer Meinung nach das Rollenverständnis eines Berufenen sein, der Menschen in den nächsten zehn Jahren wissenschaftlich fundiert im Rahmen eines Studiums qualifizieren will?

Wir müssen alles tun, damit wir als Hochschullehrer fachwissenschaftlich und interdisziplinär „am Ball“ bleiben können. Die Kooperation mit hochschulexternen Unternehmen und Institutionen ist hierfür überlebenswichtig. Die Geschwindigkeit, mit der sich die Wirtschaft und Gesellschaft insgesamt entwickeln, ist dermaßen hoch, dass man nur in interdisziplinären Teamstrukturen und in Kooperation mit Hochschulexternen überleben kann. Insbesondere die Verwissenschaftlichung der Praxis und umgekehrt die Anwendungsorientierung der Wissenschaft müssen hier eine intensivere Kooperation eingehen. Oder will man, wie die Entwicklungen im KI-Bereich der US-Hochschulen nachweislich belegen, dass immer mehr Hochschullehrer und Forscher von den Big-Playern abgeworben werden? Google, Facebook, Apple, Amazon und sogar Uber locken mit extrem hohen Gehältern, hervorragenden Laboren und Zugangsmöglichkeiten zu Massendaten, die jegliche universitären Rahmenbedingungen in den Schatten stellen. Aus wissenschaftlicher Sicht werden gerade in vielen Bereichen traditionelle Theorien, Methoden und Denkmuster völlig aus den Angeln gehoben, deshalb werden keine blindgläubigen Anwender, sondern querdenkende „Berufene“ benötigt, die hinterfragen, die methodenkritisch sind und über den Tellerrand der eigenen Disziplin schauen. Ich bin deshalb für „Querdenker-Gemeinschaften“ aus verschiedenen Fachgebieten, die die traditionelle universitäre Einteilung in Fachbereiche sprengen. Warum noch einen eigenen Fachbereich Informatik, wo heutzutage alle Fachbereiche Informatik(-Anwendungen) benötigen. Ähnliches gilt für mathematische oder wirtschaftswissenschaftliche Domänen, die auch integraler Bestandteil vieler Wissenschaftsdisziplinen sein müssten, gerade im Zeitalter der Data Science. Dem Querdenken entgegenkommend wäre auch die Tatsache, dass man bei Berufungen von Hochschullehrern zunehmend Teilzeitprofessuren anbietet, wie es gerade der Wissenschaftsrat in seinen Empfehlungen für die Hochschulen für angewandte Wissenschaften (Fachhochschulen) vorgeschlagen hat. Um weiterhin Anschluss an die Dynamik der hochschulexternen Entwicklungen halten zu können, frühzeitig junge Menschen für den Lehrberuf gewinnen zu können und auch frische, querdenkende Ideen in die Hochschularbeit miteinzubringen, sollten Berufungsmöglichkeiten geschaffen werden, dass man 50% der Wochenarbeitszeit an der Hochschule beschäftigt ist und zu 50% weiterhin in der Praxis. Um allerdings dem Aspekt einer „leidenschaftlichen Lehre“ gerecht zu werden, eines Lehrverständnisses, das Verantwortung für den Lehr- und Lernerfolg der jungen Menschen zur Priorität macht, das zum kritisch-rationalen Denken anspornt und vor allem selbstbewusste und ein Leben lang neugierig bleibende Absolventen hervorbringt, muss der Hochschullehrerberuf einem Relaunch unterzogen werden, denn erfolgreiches Lernen geht primär über Authentizität des/der Lehrenden und seine gewinnende, lernerfolgsorientierte Art. Ich denke dabei auch an die immer notwendiger werdende Ausrichtung der Hochschulen auf die Weiterbildung. Die Steinbeis-Stiftung besitzt hierbei mit allen ihren facettenreichen Angeboten fast schon Vorreiterfunktion. Diese „agilen“ Weiterbildungsangeboten müssen aber eins klar zum Ziel haben: Wirkliche Qualifikationen für berufliche Anpassungsprozesse und Neuanfänge zu garantieren. Reine Weiterbildungsnachweise reichen in Zukunft nicht.